Carbonara-Zoff, Chlorhühnchen und Veggie-Burger
Shownotes
Moritz Küpper analysiert, dass Lebensmittelkonflikte von Herkunftsschutz bis Freihandel die Spannungen zwischen kultureller Identität, EU-Regulierung und globalen Marktinteressen zeigen.
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00:00:00: Karbonarazov, Klorhühnchen und Veggie-Bürger.
00:00:05: Die Europäische Union und ihre Lebensmittelkämpfe von Moritz Küpper.
00:00:12: Italiens Landwirtschaftsminister draut seinen Augen nicht!
00:00:16: Er sieht ein Glas Karbonarasoße in einem Supermarktregal – und das ausgerechnet im europäischen Parlament in Brüssel.
00:00:24: Francesco Lulubricida, der auch Minister für Ernährungssovereinität seines Landes ist gibt sich fassungslos.
00:00:32: Es müsse eine sofortige Untersuchung geben, entrüstet er sich auf Facebook.
00:00:37: Denn statt des traditionellen Guanciale also der toskanischen Schweinebacke findet sich in dieser Supermarktsoße aus dem Glas nur Pancetta und das ist Speck aus der Region Lazium – Eine Sünde!
00:00:52: Außerdem sei die italienische Fahne auf dem Etikett irreführend suggeriere es doch die Herkunft aus Italien.
00:01:00: Beides sei inakzeptabel, so der Minister.
00:01:03: Ein Skandal!
00:01:05: Solche Waren stünden für das Schlimmste was das Phänomen der italienisch klingenden Lebensmittel zu bieten habe schrieb Lolo Briccida Der belgische Hersteller del Heister gegen Werzig.
00:01:17: Man habe nie behauptet dass die Produkte in Italien gefertigt würden.
00:01:22: Außerdem würden in ihrer Carbonara dafür andere italienische Zutaten wie etwa Crana Padano DOP Denominazione di origine Brotetta, das italienische Siegel für Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung verarbeitet.
00:01:38: Der Fall von Ende November zwei tausendfünfundzwanzig machte international Schlagzeilen.
00:01:44: Medien aus ganz Europa berichteten Vom Carbonada-Zoff.
00:01:47: in Brüssel war schnell die Rede.
00:01:50: Berechtigte Kritik oder Quatsch mit Soße fragte das Nachrichtenmagazin der Spiegel.
00:01:56: Was mancherorts als üblicher Social-Media-Aufreger abgetan werden könnte, hat durchaus einen politischen Hintergrund.
00:02:04: Seit Jahren kämpfen Regierungen aus Rom gegen falsche italienische Produkte.
00:02:09: Namen und Symbole aus dem Land werden oft benutzt – die Produkte stammen aber überhaupt nicht aus Italien!
00:02:16: Der nationale Agrarverband Col di Retti schätzt den Schaden der der italienischen Volkswirtschaft.
00:02:22: dadurch entsteht auf rund onehundertzwanzig Milliarden Euro pro Jahr Anspruch auf kulturelle Deutungshoheit.
00:02:31: Jüngster Verstoß, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni versucht gemeinsam mit Lolo Bricci das Landwirtschaftsministerium die italienische Küche zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe erklären zu lassen.
00:02:45: Sie selbst beziffert den Wert der italienischen Küche laut EuroNews auf Zitat weltweit zweihundertfünfzig Milliarden Euro.
00:02:55: Und auch für dieses Vorhaben könnte die Skandalisierung der Fake-Karbonare im Europäischen Parlament Stichwort Aufmerksamkeit nun hilfreich sein.
00:03:05: Zumal das Ganze nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturpolitische Dimension hat.
00:03:11: Immer wieder hat Meloni mit der Betonung der authentischen italienischen Küche den Anspruch auf kulturelle Deutungssoheit untermauert und sie ist damit nicht allein!
00:03:21: Der jüngste und anhaltende Kampf um das Verbot von Begriffen wie Wurst und Schnitzel für Fleischersatz, Sojaschnitzel und Veggie Burger lässt grüßen.
00:03:31: Traditionelle Gerichte als Schauplatz für nationale Kulturkämpfe.
00:03:36: Das kleines gorile Beispiel aus dem Parlament-Supermarkt, dass nun in den digitalen Welten seine Reichweiten sucht zeigt jedoch nicht nur, dass Lebensmittel oft hochpolitisch sind Es ist auch ein Beleg für grundsätzliche Konflikte innerhalb der Europäischen Union.
00:03:52: Das ständige Ringen zwischen einheitlichen Standards und kultureller Vielfalt.
00:03:57: Regulierung heißt es dann oft Bürokratie, doch eine der bedeutendsten europäischen Erfolgsgeschichten ist die Harmonisierung des Lebensmittelrechts.
00:04:08: Europaweit gleiche Qualitäts- und Sicherheitsstandards zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbrauchern bei gleichzeitiger Vielfald Denn siehe Lullo Brecidas Carbonara.
00:04:20: Europa, das ist auch bayerische Speer, Champagner, irischer Whiskey, Kalamata-Oliven und polnischer Wodka.
00:04:29: Alle diese Produkte sind durch EU recht geschützte Erzeugnisse.
00:04:33: Von Seiten der Europäischen Kommission heißt es dazu Zitat Die EU-Vorschriften für Qualitätsregelungen haben zum Ziel, die Namen bestimmter Erzeugnisse zu schützen um ihre mit ihrem geografischen Ursprung sowie dem regionsspezifischen Knowhow verbundenen einzigartigen Eigenschaften herauszustellen.
00:04:55: Die Entstehung und Geschichte, Funktionen und Aufgabe stärken und schwächen der Europäischen Union waren und sind schon oft eng mit Lebensmitteln verbunden.
00:05:17: Was auch an der exklusiven Zuständigkeit der Europäischen Union im Bereich Agrar- und Handelspolitik sowie für den Binnenmarkt und für den Verbraucherschutz liegt – Auch der Kampf um Handelsabkommen und Zollpolitik die sich oft um den IMM und Export von Lebensmittelen drehen ist ein Zuständigkeitsbereich.
00:05:36: Dazu die Versorgungssicherheit durch die gemeinsame Agrarpolitik, GAP.
00:05:42: Gerade letzterer kommt als Instrument für Ernährungssicherheit, Nachhaltigkeit und ländliche Entwicklung eine herausragende Bedeutung zu.
00:05:51: EU-Agrapolitik – so sehen es viele – ist ein Eckpfeiler der europäischen Integration.
00:05:58: Übersteuerung bei der Ernährungssicherung.
00:06:02: Die Geschichte der Europäischen Union, von der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl eGKS über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG.
00:06:12: Und die europäische Gemeinsschaft EG bis hin zum heutigen Status ist nicht nur eine Geschichte von Kohle- und Stahl sondern auch eine von Butterbergen und Milchseen den Symbolen einer mit unterübersteuerten gemeinsamen Agrarpolitik Bis heute ein finanzieller Grundpfeiler der Europäischen Union offenbaren sich auch an der im Juni, in Kraft getretenen GAP die Errungenschaften.
00:06:39: Aber auch die Auswüchse der europäischen Agrarpolitik.
00:06:43: Geschaffen mit dem Ziel, die Menschen Europas nach dem Ende des Krieges sicher zu ernähren sorgte die GAP durch staatlich garantierte Preise für Milch, Getreide und Fleisch dafür dass aus der Unterversorgung der nineteenhundertfünfziger Jahre rasch eine Überproduktion wurde.
00:07:01: Gutgemein stellte sich als schlecht gemacht heraus, egal wie viel die Bauern erntenten oder molken – Die EWG-Staaten kauften es auf!
00:07:10: Ende der neunzehnhundertsechzigen Jahre türmten sich Butterberge von einhundertfünfzigtausend Tonnen auf deren Menge weiter wuchs.
00:07:18: Fleischüberschüsse und die sprichwörtlichen Milchsehen kosteten die EWGs Staaten viel Geld Zumal die garantierten Preise für Milch oder Getreide weit über Weltmarktniveau lagen und die auf dem Weltmarkt erzeugten Produkte damit nur subventioniert ins außereuropäische Ausland zu verkaufen waren.
00:07:38: Eine Entwicklung, die mit der Milchquotenregelung in den neunzehnhundertachziger Jahren gestoppt werden sollte.
00:07:44: doch auch das scheiterte Planwirtschaft.
00:07:47: durch den Druck der einsetzenden Globalisierung musste sich Europa wettbewerbsfähig machen.
00:07:54: Kurz nach der Jahrtausendwende, auch im Zuge der EU-Osterweiterung kam die Umstellung auf Direktzahlungen an Bauern bemessen an ihren Agrarflächen.
00:08:04: Begleitet wurden diese Jahrzehnte der Reformen durch Bauernproteste – die bis heute anhalten!
00:08:10: Bereits in den neunzehnhundertsiebziger Jahren kamen Hunderttausende in Belgiens Hauptstadt zusammen Und auch der nun geplante Umbau der EU-Architektur durch die Europäische Kommission über den mehrjährigen Finanzrahmen MFR wird davon begleitet.
00:08:26: Straffe, flexibler und wirkungsvoller soll der Haushalt werden bedeutet mehr Geld für andere Felder was aber bei keine großen Steigerungen der Einzahlungen durch die Mitgliedsstaaten gleichzeitig die gemeinsame Agrarpolitik schwächen und renationalisieren könnte.
00:08:45: Das wäre ein weitreichender Schritt, um den gerungen wird und der erneut den Widerstand der Landwirte provoziert.
00:08:53: Sei es mit Kühen vor dem europäischen Parlament in Straßburg oder mit Traktoren auf den Straßen in Brüssel!
00:09:00: Hier zeigt sich ein weiteres Phänomen der Europäischen Union – v.a.
00:09:04: Lebensmittelpolarisieren nicht nur bei Landwirtschaftsthemen sondern auch in Handelsfragen.
00:09:10: Auch hier gilt die Erkenntnis Nur gemeinsam werden die EU-Staaten global künftig mitreden können.
00:09:17: Erst recht in Zeiten, in denen die Konkurrenz aus den USA, China aber auch aus aufstrebenden Ländern wie Indien immer größer wird.
00:09:25: Doch obwohl es diese grundsätzliche Feststellung gibt hängt es oft an Details und widersprüchlichen nationalen Interessen.
00:09:34: Der jüngste Zollkonflikt mit den Vereinigten Staaten unter US-Präsident Donald Trump hat den Europäern zwar nochmals die Bedeutung von Freihandelsabkommen vor Augen geführt, doch der Weg dahin ist mühsam.
00:09:47: So mühsam dass man schon mal den Überblick verliert.
00:09:50: Ende Oktober twenty-fünfundzwanzig wurde nach dem EU-Gipfel fälschlicherweise der Abschluss des EU mehr Kosoabkommens verkündet.
00:09:59: Später wurde klar das es sich dabei nur um einen Beschluss gehandelt hatte technische Probleme mit den Übersetzungen zu klären.
00:10:10: Der Druck jedoch, dass dieses Abkommen nun kommt ist groß.
00:10:15: Seit nineteenhundertneunzig also mehr als ein Vierteljahrhundert verhandelt die Europäische Union mit den vier Mercoso-Staaten Brasilien Argentinien Uruguay und Paraguay um dem in siebenhundert Millionen Einwohnern weltweit größte Freihandelszone zu schaffen.
00:10:32: der jüngste Zollkonflikt der europäischen Union mit USA hat Dynamik in den Prozess gebracht doch der Widerstand bleibt groß Und hängt an Lebensmitteln.
00:10:43: Vor allem französische Bauern fühlen sich durchaus Südamerika, importiertes Rindfleisch und andere Lebensmittel bedroht.
00:10:51: In der Britanie kam es jüngst zu Protesten vor einem Autohaus.
00:10:55: Auf einen Plakat war zu lesen Viehzucht gegen Autos Der Import von südamerikanischen Rind fleisch Gegen den Export von deutschen Autos.
00:11:05: Davor besteht die Furcht.
00:11:07: Ob das verfängt?
00:11:09: Fraglich.
00:11:11: die im Jahr twenty-sevenundzwanzig anstehenden Wahlen in den Merkoso kritischen Ländern wie Polen und Frankreich, die aufgrund der starken rechtspopulistischen und EU skeptischen Lager als Schicksalswahlen für die Europäische Union ausgerufen werden, werfen ihre Schlaglichter voraus.
00:11:28: Und?
00:11:29: Die Furcht vor importierten Lebensmitteln hat schon so manches Freihandelsabkommen erfolgreich topediert!
00:11:36: Das wohl berühmteste Beispiel – das Klerhuhn mit dessen Hilfe das TTIP-Abkommen in Klammern transatlantische Handels und Investitionspartnerschaft zwischen der Europäischen Union und den USA zu Fall gebracht wurde.
00:11:51: Innerhalb kürzester Zeit war es den Gegnern des Freihandelsabkommens, in den Zehnerjahren gelungen ein pickeliges, desinfiziertes Geflügel zum Wappentier der Anti-TTIP Bewegung zu machen.
00:12:04: Obwohl die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit und auch das Bundesamt für Risikobewertung betonten, dass das Huhn, das nach seiner Schlachtung durch ein chlorhaltiges Wasserbad gezogen wird um Erreger wie Salmonellen und Campilobacter abzutöten keinesfalls gesundheitsgefährdend sei führte die Angst davor dazu, dass die Bemühungen um TTIP im Sande verliefen.
00:12:29: Auch die erste Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten trug dazu bei.
00:12:34: dessen konfrontative Handelspolitik entfaltet nun aber anderweitig ihre Kraft.
00:12:39: Auch bei italienischen Nudelgerechten, denn die vom US-Handelsministerium verhängten Anti-Dumpingzölle in Höhe von zweiundneunzig Prozent, die ab dem Jahr zwetausendsechs und zwanzig gelten sollen würden dazu führen dass das Geschäft für italienische Nudelersteller unrentabel werden würde.
00:12:58: Wenn die Amerikaner allerdings nur ansatzweise sogar Nudeln essen wie die Deutschen Dann könnte es für US-Präsident Donald Trump ungemütlich werden.
00:13:07: Und es zeigt die politische Kraft der Lebensmittel, sie ist nicht zu unterschätzen – nicht nur innerhalb der Europäischen Union sondern auch außerhalb!
00:13:19: Über den Autor Moritz Küpper geboren in Köln.
00:13:25: Promovierter Politikwissenschaftler, Korrespondent des Deutschlandfunk Studio Brüssel gelesen von Philipp Aller Die politische Meinung, neutral geht gar nicht.
00:13:41: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.