Der eigensinnige Bürger
Shownotes
Laut Uwe Spiekermann scheitert Ernährungspolitik oft an realen Lebenswelten, denn Menschen essen nach eigenen Mustern – nicht nach staatlichen Idealvorstellungen oder Expertenmodellen.
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00:00:00: Der eigensinnige Bürger Ernährungspolitik in historischer Perspektive Von Uwe Spiekermann.
00:00:09: Ernährungspolitik ist ein Begriff des vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts.
00:00:14: Er setzte sich im ersten Weltkrieg durch, um die tradierte Agrarpolitik und die Versorgungsansprüche der urbanen Konsumenten miteinander zu kopeln.
00:00:23: In der Weimarer Republik – der NS Und der Nachkriegszeit hielt man Regime übergreifend an ihm fest.
00:00:30: Doch angesichts des wachsenden Wohlstands fallo er an Bedeutung, weil der Markt Angebot und Nachfrage wieder
00:00:36: regelte.".
00:00:37: Das änderte sich angesichts der Rindersäuche BSE seit Ende der Ninzehundert neunziger Jahre.
00:00:44: Aus der eingeforderten Agrarwende wurde eine breiter gefasste Ernährungswende – eine moderne Ernährungspolitik sollte dafür den Weg aufzeigen!
00:00:55: Dies scheiterte allerdings an der Beharungskraft ministerieller Bürokratien am eigensinnigen Bürger und an neuen dringenden Krisen.
00:01:03: Dennoch findet Ernährungspolitik seither in Expertengremien und Aktionsplänen weiter große Resonanz, den parteipolitischen Auseinandersetzungen großteils entzogen Und um weitere Umwelt- und klimapolitische Ziele ergänzt, folgt man seit twentyfünfzehn der Nachhaltigkeitsstrategie der Vereinten Nationen sowie seit zweitausendzwanzig dem Green Deal der Europäischen Kommission.
00:01:27: Der eigensinnige Bürger aber lässt die gut gemeinden und wohlbegründeten Vorschläge weitgehend echolos verhallen.
00:01:36: Historischer Abstand hilft diesen für alle Seiten unbefriedigen Zustand zu erklären.
00:01:42: Die Sorge um die tägliche Kost führt zurück in die ständische Gesellschaft vor der Industrialisierung, vor Urbanisierung, Konsumgesellschaft und Staatsinterventionismus.
00:01:52: Sie war geprägt von einer für die Mehrzahl stets prekären Grundversorgung.
00:01:56: Missernten und Preisteigerungen gefährdeten das Dasein regelmäßige Hungersnöte, Gesundheit und Leben.
00:02:03: Das Zeitalter der Revolutionen war ein Aufbegehren gegen diese Enge im Elementaren.
00:02:09: Moderate Reformen waren die Folge.
00:02:11: langfristig eine erstbürgerliche, dann zunehmend demokratischere Gesellschaft.
00:02:17: In der sich parallel entwickelnden Marktgesellschaft wurden Geld und Recht zu zentralen Steuerungsmechanismen und eröffneten Gestaltungsräume für gezielte politische Interventionen.
00:02:28: Technischer Fortschritt und Wettbewerb im Kaiserreich Die städtere Formen des frühen XIX Jahrhunderts etablierten die Selbstverwaltung.
00:02:37: Vor Ort bedeutete das Marktregulierung Lebensmittelkontrolle Vorkehrungen gegen Täuschung und Gesundheitsschädigung sowie Armenfürsorge.
00:02:46: Statt Hygiene wurde zur kommunalen Aufgabe erklärt, Wasserversorgung Straßen- und Kanalbau.
00:03:13: Wichtiger noch war neues Gestaltungswissen, Geld floss in die Agrarwissenschaften in landwirtschaftliche Experimentierstationen in Universitäten.
00:03:22: Fachleute und Experten etablierten sich zunehmend Chemiker – dann Nahrungsmittelchemiker auch Physiologen, Pediatra, Militärärzte und Veterinärmediziner.
00:03:33: Die Länder federten Mängel des freien Marktes ab, Lebensmittelkontrolle diente dem Schutz von Leib und Leben.
00:03:40: In hauswirtschaftlichen Lehranstalten wurde das Wissen der Experten in praktisch erprobte Haushaltslehren und Küchenfertigkeiten transformiert.
00:03:48: Der spät entstandene deutsche Zentralstaat konzentrierte sich anfangs auf Grundlagenforschung, Naturmittelgesetz, offiziell.
00:04:04: Gesetz betreffend den Verkehr mit Lebensmitteln, Genussmitteln und Gebrauchsgegenständen, eighteenhundertneunundsebzig.
00:04:12: Hohe Zölle schützten die heimische Landwirtschaft.
00:04:14: Statt auf Regulierung setzte man auf technischen Fortschritt- und Wettbewerb – auf die Logik der zuvor unbekannten stofflichen Binnenwelt der Nahrung auf erste darauf aufbauende Grenzwerte und Kostmaße.
00:04:26: Chemisches und physiologisches Grundwissen trat seit den Achtzehntetvierzigerjahren an die Seite eines von Brauch-und Religionen geprägten Ernährungsverhaltens.
00:04:36: Die Art der Ernährung blieb jedoch dem Einzelnen überlassen, die hauswirtschaftliche Praxis ebenso.
00:04:42: Das föderale System des Kaiserreichs förderte Wettbewerb führte allerdings auch zu Abstimmungsproblemen.
00:04:50: Schutzzölle und niedrige Lebenshaltungskosten widersprachen einander, der Kontrolldruck auf die Ernährungswissenschaft war- und blieb gering.
00:04:59: Verbraucherschutz gründete auf Konsumgenossenschaften und bürgerlichem Engagement und konnte nur grobe Missstände bekämpfen.
00:05:07: Wissenschaftler boten dagegen.
00:05:09: Handreichungen für richtige Ernährung zielten zudem auf die Regelung gesellschaftlicher Kernfragen.
00:05:15: Heimischer Rübenzucker und terminierte Sklaverei und Kolonialismus.
00:05:19: Fleischextrakt und Backpulver sollten die sozialen Probleme durch billigeres Eiweiß- und Brot mildern.
00:05:26: Pflanzliche Fette und Fleischersatzprodukte galten als Wegmarken in eine friedlichere, erschwinglichere Konsumwelt.
00:05:35: Ernährung & Kriegsfähigkeit Im Ersten Weltkrieg war das nicht mehr ausreichend – Die Begünstigung von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie konnte zuvor angesichts steigender Reallöhne hingenommen werden, nicht aber angesichts des Wegbrechens von etwa zwanzig Prozent der Nahrungsimporte.
00:05:56: Ernährungspolitik sollte die staatlichen Institutionen effizienter machen – eine gerechte Rationierung ermöglichen, die vielen Ebenen koordinieren.
00:06:15: Die Ernährungspolitik scheiterte an Überbürokratisierung, an den Interessen der organisierten Landwirtschaft und an fehlenden Nahrungsmitteln.
00:06:23: Doch das Prinzip des Interessenausgleichs schien richtig – so dass der zunehmend finanzstarke Zentralstaat auch während der Weimarer Republik weiter intervinierte.
00:06:33: Kennzeichnungs- und Verpackungsvorschriften ein neues Lebensmittelgesetz Handelskassen und Normierungen folgten.
00:06:41: Doch Ernährungspolitik blieb vorrangig Agrarpolitik.
00:06:44: Sie mündete neuerlich in Zollschutz und Subventionen, während der Präsidialregierungen in Dirigismus sowie Beimischungszwänge.
00:06:53: Das nationalsozialistische Regime übernahm ein bereits beackertes Feld in dem Ernährungspolitik für den Interessensausgleich in der Volksgemeinschaft stand.
00:07:02: Eine integrierte Ernährungspolitik schien erforderlich um in neuen Kriegen siekreich zu bestehen – ohne auskömmliche Ernährungen keine Leistung, keine Kriegsfähigkeit!
00:07:12: Auf Grundlage der Vitamin- und Mineralstofflehre wurden Gesundheit und Ernährung eng verbunden, waren Teil der Rassenhygiene des nationalsozialistischen Regimes.
00:07:22: Ernährungsaufklärungen und Propaganda wurden zunehmend verstaatlicht – propagierten eine dominant pflanzliche regionale und saisonale Kost.
00:07:30: Die Volksgenossen sollten die heimischen Angebote wertschätzen.
00:07:34: Die Mobilisierung eigener Kräfte erforderte Kampf dem Verderb.
00:07:39: Lebensmittelabfälle wurden gezielt begrenzt und recycelt.
00:07:43: Staatliche Zufuhrempfehlungen verändern die wachsende Außerhausverpflegung, von der bei Kriegsende ein Drittel der Deutschen abhängig war.
00:07:51: Die große – durch massive Forschungsgelder rasch – wachssender Anzahl wissenschaftlicher Experten sah sich als Sachweiter und zugleich als Erzieher der Bevölkerung.
00:08:01: Mängel und Mangel blieben bestehen!
00:08:04: Doch die Versorgung der deutschen Bevölkerung konnte fast bis Kriegsende auf Kosten der besetzten Gebiete und von Abermillionen Hungertoten im Osten, auf einem erträglichen Niveau gehalten werden.
00:08:17: Impulse zur Revitalisierung von Ernährungspolitik In der unmittelbaren Nachkriegszeit war eine ausreichende Grundversorgung weiterhin vordringlich.
00:08:26: Abgesehen von einer kurzen Periode moderaten Wettbewerbs Anfang der neunzehntfünfziger Jahre, wurde die Landwirtschaft daher staatlich massiv gefördert.
00:08:35: Technisierung, Chemisierung und Kapitalisierung führten zu rasch steigenden Erträgen.
00:08:41: Agrarpolitik dominierte den Grünenplan nineteenhundertfünfundfünfzig – ein umfangreiches Förderprogramm für die Landwirtschaft Und die römischen Verträge.
00:08:53: in unvernunft sicherte die Versorgung zunehmend auch den sozialpolitisch abgefiederten Strukturwandel des Agrasektors.
00:09:02: Impulse zur Revitalisierung einer Ernährungspolitik wurden in den neunzehntfünfziger Jahren von einer breiten öffentlichen Protestbewegung gegen vermeintlich vergiftetes Essen gesetzt.
00:09:12: Folgeverordnungen verboten zahlreiche Zusatz- und Konservierungsstoffe, festdichten zugleich allerdings die Definitionsmacht der Naturwissenschaften.
00:09:20: Die agrarwissenschaftliche Ressortforschung wurde weiter ausgebaut – dieisfünftig gegründete deutsche Gesellschaft für Ernährung, die wissenschaftlichen Beiräte der Ministerien und halbstaatliche Institutionen der Ernährungsbildung sicherten den Einfluss der Funktionseliten.
00:09:37: Im Kampf gegen vermeintliche Zivilisationskrankheiten gewannen gesundheitspolitische Aspekte wieder an Bedeutung, zumal nachdem das newsundhundertsechzig gegründete Bundesministerium für Gesundheitswesen die Suchtprävention und den Kampf gegen Fehlernährungen verstärkte.
00:09:54: Rivalitäten zwischen Bund, Ländern und Kommunen nahmen derweil zu – Die Stiftung-Warentest, newsunheitvierundsechtzig Und die bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, newnsundhundsechsich Verstärkten diesen Trend zeugten zugleich jedoch von Reformoptimismus dieser von Utopien geprägten Zeit.
00:10:13: Dies galt auch für die stärker zentralisierte DDR, deren Agrar und selbst deren Gesundheitspolitik damals vielen westdeutschen Wissenschaftlern als zukunftsweisend galt.
00:10:25: Debatten über Lebensmittelqualität Die immensen Finanzprobleme der ausufernden Agrarpolitik der Europäischen Union, die breit diskutierten Umweltprobleme und mit dem Wandel zu postmateriellen Werteneinhergehende Neubelebung der ökologischen Bewegungen ließen Anfang der neunzehntiesiger Jahre jedoch Fragen nach qualitativen Wachstum und einer qualitativ hochwertigen Ernährung auf die politische Agenda treten.
00:10:51: Das Galt für Ost und West, die Ignoranz gegenüber der damit verbundenen Aufgaben war ein wichtiger Grund für den Kollaps der DDR.
00:11:01: Umwelthemen wurden im Westen schon lange Vorgründungen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz- und Reaktorsicherheit, im Innen-, Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium institutionalisiert.
00:11:14: Dennoch intensivierten sich die öffentlichen Debatten über die industrialisierte Landwirtschaft, die Schadstoffbelastung und die Qualität der Lebensmittel.
00:11:23: Die Ernährungspolitik diente vorrangig den Agrarinteressenten.
00:11:26: Bauernverband- und Ministerien diskreditierten den wiedererstarkenden Ökolandbau, die Vollwerternährung und den Vegetarismus.
00:11:34: Die BSE-Krise two-tausend – zwei-taussundeins führte zu einem zeitweiligen Bruch.
00:11:40: Der dramatische Vertrauensverlust traf eine alltagsfern Agrarpolitik, die die Konsequenzen der eigenen Strukturentscheidungen nicht tragen sondern vertuschen wollte.
00:11:50: Neue Zielbegriffe wie Agrar- und Ernährungswende folgten doch beide blieben weit hinter den anvisierten Zielen zurück – ein vollständiges Rollback gab es nicht.
00:12:01: Evaluationen verwiesen dennoch auf weiter bestehende Dominanz agrarpolitischer Interessen und die erfolgreiche Lobbyarbeit der Ernährungswissenschaft.
00:12:10: Neue Institutionen folgten, eine umfassendere Ernährungspolitik diente vielen Experten auch als Mittel, um im personell zunehmend entkernten Arbeitsfeld Stellen- und Einfluss zu behaupten.
00:12:21: Ernährungenpolitik erfolgt heute – gutmeinend berechtigt doch zugleich bevormundend und alltagsfern auf einer vierdimensionalen Wissensgrundlage.
00:12:31: Sie ist allerritorik zum Trotz Strukturkonservativ folgt trotz Internationalisierung dem tradierten Wissen des kurzen zwanzigsten Jahrhunderts.
00:12:40: Ernährungspolitik will Essen ändern, weiß jedoch kaum etwas über die Motive und den lebensweltlichen Rahmen der Essenden.
00:12:47: Die Epistemologie der Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften, der Klima-, Umweltwissenschaft sind unreflektiert.
00:12:55: zielt heute wie vor hundert Jahren auf hierarchische Lenkung und Anleitung der Bürger, auf mikroautoritäres Nudging.
00:13:03: Fehlende Selbstreflexion.
00:13:06: Die ernährungspolitischen Ziele sind hochgesteckt – ein längeres und gesundes Leben scheint bei Volksamkeit möglich ebenso globale Klimagerechtigkeit.
00:13:15: Deren Umsetzung aber spricht jeder historischen Erfahrung mit den Ernährungspolitikern des zwanzigsten Jahrhunderts Hohen Diesen koordinierenden Politiker entwürfen fehlt ein realistisches Bild des eigentlichen Souveräns, des eigensinnigen Bürgers.
00:13:30: Die fehlende Selbstreflexion über die Begrenztheit des eigenen Wissens wird begleitet von immer umfassenderen Zielsetzungen – von Maßnahmen zur Rettung der ganzen Welt.
00:13:40: mag der eigene Einfluss darauf auch marginal sein.
00:13:43: Eine solche Ernährungspolitik ist letztlich ebenso irrational wie das stetig kritisierte Verhalten irrational essenden und lebenden Menschen.
00:13:53: Ohne Integration sozialer und kultureller Aspekte werden die Erfolge derartiger Politik eng begrenzt bleiben.
00:14:00: Die Modellannahmen mögen richtig sein, doch der Souverän – der eigensinnige Bürger – lebt ist-und trinkt nach anderen Prämissen.
00:14:08: Ernährungspolitik wird sich im XXI.
00:14:10: Jahrhundert heuten müssen!
00:14:12: will sie denn wirklich mehr sein als eine sprachlich gefälligere und sachlich begründetare Wiedervorlage der wenig erfolgreichen Maßnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts.
00:14:22: Über den Autor Uwe Spiekermann Geboren, nineteenhundertsechzig in Olsberg Sozial- und Wirtschaftshistoriker.
00:14:31: Zwei tausendacht bis zweitausendfünfzehn.
00:14:33: stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington DC Privatdozent an der Georg August Universität Göttingen Gelesen von Sören Hahn.
00:14:45: Die politische Meinung, neutral geht gar nicht!
00:14:53: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.