Shake it, baby!
Shownotes
Der Proteinshake wird zum Symbol moderner Selbstoptimierung und zeigt, wie stark Lifestyle, Konsumkultur und Körperideale unsere Ernährung prägen, so Jörg Scheller.
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00:00:00: Shake it, baby!
00:00:02: Der Proteinshake als Sitten-Gemälde von Jörg Scheller.
00:00:08: Wer sich ein Bild der Vergangenheit oder der Gegenwart machen möchte kann herausragende kulturelle oder künstlerische Artefakte studieren die es im Rennen um Sekulare und Sterblichkeit aus dem profanen Raum in dieser kralen Archive von Museen oder Bibliotheken geschafft haben.
00:00:23: Gemäldee, Romane, musikalische Kompositionen.
00:00:28: Das Bildungsbürger zum Wolter ist so dass gerade in solchen Erzeugnissen die wesentlichen Tendenzen einer Epoche sinnfällig würden.
00:00:35: In Tat und Wahrheit aber zeugen wohl eher die alltäglichen, massenhaft konsumierten Dinge von dem was man früher hochtraben den Geist einer E poche zu nennen empflegte.
00:00:45: Und was wird am meisten und am verlässlichsten konsumiert?
00:00:49: Klar Nahrungsmittel!
00:00:52: Und zunehmend auch Nahrungsergänzungsmittel.
00:00:56: Der Proteinshake zählt zu den Nahrungsergänzungsmitteln, die den Weg vom nutrazeutischen Katzentisch an die Alltagstafel des Mainstreams gefunden haben.
00:01:05: Hierzulande einst von der Ur-Dinkelgläubig-Mehrheitsgesellschaft als entfremdetes Aufputschmittel dubioser US-Bodybuilder misstrauisch beugt, löffelt sich diese heute ebenfalls Molkenproteinpulver, Sojaproteinpolver, Erbsenproteininpulvers, Milchproteinenpulvern oder Ei-Protein-Pulver in die Shaker.
00:01:24: schüttelt erst und schütte dann ein transhumanistisch gewürztes Selbstoptimierungs-Sübchen in sich hinein.
00:01:31: Die Prognosen für den Proteinpulvermarkt sind eindeutig, starkes Wachstum!
00:01:37: Wie alle Nahrungsergänzungsmittel in Zeiten materiellen Überflusses und noch liberaler Verhältnisse ist auch der Proteinscheikulturell politisch moralisch und identitär aufgeladen.
00:01:49: Ware Selbstoptimerung beginnt erst dort wo die Materielle notendert.
00:01:54: Protein-Shakes trinkt man nicht, weil man muss.
00:01:56: Es sei denn nach einer Zahn-OP oder aus anderen medizinischen Gründen – sondern weil man kann!
00:02:02: Können aber Musse während diesen Zeiten zur Zeitgeistelite und mehr noch zur Zeitkörperelite gehören will?
00:02:09: Die Frage warum es eigentlich einen Zeitgeister gibt, nicht aber einen Zeitkörper hätte einen eigenen Artikel verdient.
00:02:17: Der Proteinshake ist damit nicht nur ein funktionales Nahrungsergänzungsmittel, dessen Konsum die zu sich selbst gekommene reine Rationalität gebietet sondern auch das nutrazeutische Ponder zur einem Sittengemelde dass viel über soziopolitischen Wandel verrät.
00:02:33: Im folgenden sei der Versuch unternommen drei Dimensionen des Sittenshakes zu erläutern.
00:02:38: Muttermilch der flüssigen Moderne Industriell hergestellte als Gesundheits- und oder leistungsfördernd beworbene Nahrungsergänzungsmittel wie Proteinpräparate sind bereits seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts verbreitet.
00:02:53: Aber erst heute, da in Wohlstandsgesellschaften breite Teile der Bevölkerung über historisch einmalige Zeit und Kapitalressourcen zur Selbstoptimierung verfügen ist der Proteinboom perfekt!
00:03:04: Dem Umstand des gerade Gesundheits- und leistungsbewusste Hyperformer zum Protein Shake greifen, ob als Pre-Workout Shake, als Post-Work out Shake oder als Kalorienarme Zwischenmahlzeit, wohnt dabei eine gewisse Ironie inne.
00:03:17: Denn im Grunde handelt es sich beim Protein Shake um eine Form von Babynahrung – nur eben für Erwachsene!
00:03:24: Das weisliche, meist gesüßte mit diversen Geschmackstoffen gepimpte je nach Dosierungsgrad unterschiedlich viskose Nahrungsergänzungsmittel muss nicht erst unter Anstrengung der Kiefermuskeln zerkleinert werden.
00:03:35: Man ist ja schon erschöpft vom letzten Workout und vom letzten Karriere-Sprong sondern flutscht widerstandslos in den Optimierungshungrigen Organismus als wolle es die Segnungen der flüssigen Moderne symbolisieren Ausgerechnet heute also da die Wohlstandsgesellschaften und Konsumkulturen das Erwachsenenalter erreicht haben.
00:03:54: Fotologisch hochbegabte Soziologen sprechen gar geriatrisierend von der spätmoderne, erfreut sich quasi Babynahrung reger beliebt hat.
00:04:03: Was vordergründig einen Widerspruch darstellt ist in zweierlei Hinsicht nur konsequent.
00:04:08: Leben wir tatsächlich in der späten moderne?
00:04:10: Dann ist Flüssig und Breinahrung wie man sie säuglingen oder im Pflegeheimen zu verabreichen pflegt nur folgerichtig.
00:04:17: Schließlich nähert man sich zum Einen gegen Ende des Lebens wieder dem Kind – dem Kleinkind den Baby an!
00:04:24: So passt dann auch der simultane Porridge und Smoothie Boom ins Bild.
00:04:28: Shakes und Brei, wohin man blickt!
00:04:31: Die unterforderten Kiefermuskeln können mit einem Trainingsgerät wie dem Jawliner einen Kauklotz aus Silikon wieder auftrainiert werden.
00:04:38: Zum anderen ist es in unserer Gegenwart nicht nur möglich sondern kulturell geboten Züge des Kindlichen bis ins hohe Alter zu kultivieren so lange sich damit Geld verdienen lässt und die Compliance Abteilung keinen Einspruch erhebt.
00:04:51: Forever Young Im ästhetischen Kapitalismus, Germot Böhme, diesem Zwitter aus Friedrich Schiller und McDonalds ist das kindlich-spielerische eine Kreativitätsressource.
00:05:03: Dass ein Buch mit dem Titel «Das Kind in dir muss Heimat finden!» seit Jahrzehntzehn ununterbrochen auf der Spiegel Bestsellerliste steht, ist bezeichnend für die Ära der Professionalisierung einer prolongierten Kindheit & Jugend, die ihre nutrazäutische Entprechung im Proteinscheg findet.
00:05:23: Nuckeln und Hasseln, Meritokratie und Neoteny bilden nun die zwei Seiten einer Medaille.
00:05:31: Mit dem Typus des endpolitisierten individualistischen Selbstoptimierers wiederum teilen Babys gewisse Eigenschaften.
00:05:38: Babys interessieren sich eher selten für Weltpolitik oder den Comex-Skandal – ihr ganzes Dasein kreist um sie selbst!
00:05:45: Essen wachsen, strampeln, körperlich und geistige Fähigkeiten ausbauen.
00:05:49: Wer Baby bleiben will trinkt mutterlose Muttermilch Treibstoff für Technokraten.
00:05:57: Während die neotänische Dimension von Proteinshakes unfreiwellig und unbewusst ist, gibt es auch basale funktionale Gründe, die für sie sprechen.
00:06:06: Proteinshakes sind keine Domäne vom Gourmets, sondern eher von Technokraten, die Leistung und Look ihrer Körper nüchternt berechnend zu verbessern bestrebt.
00:06:16: Sie wissen, dass der Tagesablauf eines durchschnittlichen Büro angestellten, der machinisierten, automatisierten, robotisierten algorithmisierten Gegenwart nicht gerade kalorienintensiv ist.
00:06:27: Selbst wenn er abends noch eine Runde im Gym pumpt!
00:06:31: Will man also nicht übergewichtig werden und Gefahr laufen, Zivilisationskrankheiten zu entwickeln?
00:06:36: Ist man gut beraten seinen Konsum von kurzkettigen Kohlenhydraten und Fetten zu reduzieren.
00:06:41: Proteine aber braucht man gleichwohl Denn aus ihnen bestehen viele wichtige Strukturen des Körpers.
00:06:47: Erwachsener in zwischen neunzehn und fünfundsechzig Jahren empfiehlt die deutsche Gesellschaft für Ernährung mindestens null Komma acht Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich.
00:06:56: ältere Menschen benötigen sogar eine höhere Menge.
00:07:00: Proteine bilden gewissermaßen den Motor Kohlenhydrate, den Treibstoff unseres Körpers Und da Proteine in Glucose umgewandelt werden können, Kohlenhydrate jedoch nicht in essentielle Aminosäuren sollte für ein spätmodernes Büro-Menschen dar sind das Verhältnis zwischen Protein und Kohlenhydratkonsum zugunsten des Ersteren angepasst werden.
00:07:19: Das ist zwar prinzipiell auch mit natürlicher Nahrungsmitteln wie Fleisch, Nüssen, Tofe oder Bohnen möglich – Fleisch ist jedoch Gegenstand ethischer und ökologischer Debatten!
00:07:27: Und pflanzliche Lebensmittel enthalten in der Regel auch Kohlen hydrate.
00:07:31: Darüber hinaus ist ihr Proteinprofil nicht nur dem von tierischen Lebensmitteln unterlegen.
00:07:37: Sie beinhalten auch Substanzen wie Phytate und Polyphenole, die die Eisenaufnahme hemmen was zu noch mehr Schläfrigkeit beim Ausfüllen von Exeltabellen und bei stundenlangen Meetings führt.
00:07:49: Wenn es also darum geht den persönlichen Nahrungskonsum zu reduzieren Und gleichzeitig ausreichend Protein zu sich zu nehmen sind Proteinshakes eine technokratisch korrekte Wahl.
00:07:59: Sie mögen zumal beim Erstkontakt eher ekelig schmecken, aber ihre Wirkung verfehlt nicht das Ziel.
00:08:06: Und wenn man schon ein Arbeitsleben hat, dass in der Kulturkritik von Georgia Crusoe über Karl Marx und Friedrich Nietzsche bis hin zu Richard Sennet und Hartmut Rosa als entfremdet eingestuft wird – da liegt es nahe, dass man auch entfremmdete, d.h.
00:08:18: denaturierte, verarbeitete oder hochverarbeitete, aber funktionelle Lebensmittel wie Proteinchecks konsumiert!
00:08:26: wäre alles andere nicht eine unfreiwillig komische Form nostalgischer Dialekte.
00:08:33: Software Drinks für harte Bodies Der ästhetische Kapitalismus wäre in dess kein Ästhetischer.
00:08:40: beschränke er sich auf schnöde Funktionalität, überall dort wo stillbare physische Bedürfnisse gegenüber unstillbaren metaphysischen Begehernissen ins Hintertreffen geraten gilt es dem meritokratischen Lebensstil eine passende ästhetische Form zu geben.
00:08:59: Diese Form ist, auch sie bereits seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts – Der Hard Body Ein Körper, der gerade deshalb gehärtet wird weil er den traditionellen körperlichen Härten der Existenz entronnen ist Aus geprägte Muskulatur wenig Körperfett ausgewogene Entwicklung aller Körperpartien und versärter Gesamteindruck klassizistischer Anmutung.
00:09:22: Dieses Ideal kultivierte und popularisierte der preußestämmige Kraftathletz Eugen Sando um nineteenhundert auf dem Höhepunkt der liberalen Ehre in Europa, in einer optimistischen Phase relativem Friedens-und Wohlstands.
00:09:36: Auf eine Formel gebracht?
00:09:38: Je weicher die Zeiten wurden, desto härter wurden die Vermittelshandeln, gymnastischer Übungen und Maschinen optimierten Körper.
00:09:46: Als die Lebenserwartung stieg – die absolute Armutschwand und der Wohlstand wuchs machte sich im sogenannten Westen die merkwürdige Angewohnheit breit, die verlorenen Härten körperlicher Arbeit im Gym auf sichere, systematische, kontrollierte und nicht zuletzt estetisierte Weise wieder auferstehen zu lassen.
00:10:03: Schlank stark und schön wie neugriechische Statuen.
00:10:06: auf dem Olymp der Moderne sollten die Körper werden – erst dem Endlichen, im zwanzigsten Jahrhundert zunehmend auch die Weiblichen.
00:10:14: In Zuge dieser Entwicklung kamen immer mehr flüssige Nutrazeutika für Jung- und Alt als Liebigstfleischextrakt Peter Malaskot Liver Oil oder der Health & Strength Cocoa Eugensandos in Mode.
00:10:27: Auch cremige oder breiige Produkte wie Nestles Kindermehl fanden ihre Abnehmerschaft.
00:10:32: Zunächst als Medizin lossierte Mixturen, wie Bangers Peptonishing Powders wurden im frühen zwanzigsten Jahrhundert zunehmend auch von gesunden Menschen zur Selbstoptimierung konsumiert.
00:10:42: Die Grenzen zwischen Therapie und Optimierung zwischen Medizin und Ästhetik sind nicht erst im einundzwanzigste Jahrhunder löchrig geworden.
00:10:49: Zwar handelte es sich dabei noch nicht um Produkte auf Basis industriell isolierten Proteins, wie wir sie heute kennen.
00:10:56: Aber langsam wurde die Bevölkerung an den Konsum jener hochverarbeiteten Nutratzeutiker gewöhnt – die Heute durch die Kehlen von Millionen Strömen und den Heart Body an den Quellen der flüssigen moderne Laben.
00:11:09: über den Autor.
00:11:11: Jörg Schäller Geboren neunzehnhundertundseinhalbzig in Stuttgart Professor für Kunstgeschichte an der Zeucherhochschule der Künste Nebenbei-Journalistmusiker und zertifizierter Fitnesstrainer.