Nähe als politischer Imperativ

Shownotes

Der gesellschaftliche Zusammenhalt gilt vielen als verloren, und wird deshalb dringend eingefordert. Doch was ist eigentlich gemeint, wenn wir von „Zusammenhalt“ sprechen? Ohne Nähe und Annäherung lässt er sich kaum denken, geschweige denn verwirklichen.
Darüber spricht der Philosoph Christian Bermes mit dem Schriftsteller und FAZ-Redakteur Simon Strauß. Im aktuellen Themenheft der Politischen Meinung zu „Frieden und Streit“ waren beide als Autoren vertreten; daraus ergab sich das Gespräch über das neue Buch von Simon Strauß „In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht“. Strauß schildert darin Menschen, Ereignisse und Erfahrungen in der Kleinstadt Prenzlau und beschreibt so den Verlust von Nähe, aber auch deren bewusste Pflege.

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00:00:01: Die politische Meinung,

00:00:03: neutral,

00:00:04: geht gar nicht.

00:00:06: Herr Strauss, ich beginne bei Ihrem Buch mit dem Ende.

00:00:10: Am Schluss gibt es eine Danksagung, und da steht, dass Sie auf die Idee gebracht werden mussten, für Brenzlau zu sprechen.

00:00:19: Also ganz sicher sieht so aus, als ob Sie so einen Stups brauchten, um sich Brenzlau anzunähern.

00:00:27: War zuerst die Idee da, oder war dann ... Die Idee der Annäherung da?

00:00:31: und ist die Idee der Nähe, die in dem Buch verhandelt wird, durch diese Annäherung an die Stadt überhaupt erst entstanden?

00:00:38: Ja, genau so.

00:00:39: Sehr klug vor weggenommen, wie der Prozess oder die Dynamik eigentlich passiert ist.

00:00:49: Also, ich würde mal sagen, der Ausgangspunkt war die Lektüre der Lokalzeitung, die der Uckermark Kurier, Nordkurier... ist ein Blatt, was gar nicht welche Auflage die eigentlich hat, aber die jedenfalls da noch in der Region vielfältig gelesen wird, morgens immer um fünf Uhr.

00:01:04: liefert.

00:01:05: Und da parallel zu dieser Großdebatte, die ich in der FIZ natürlich mitbekommen habe, Überlastung der Kommunen, Frage wie die Flüchtlingspolitik, das war ja ganz, ganz brisantes Thema, jetzt so ein bisschen weggekommen.

00:01:18: Das haben wir ja schon, CDU ja schon geschafft, ein bisschen, aber wie auch immer jedenfalls, da war das ja ganz groß zur Zeit von Scholz und der Fortschutzkoalition.

00:01:27: Naja, jedenfalls diese Großdebatte hatte ich irgendwie im Kopf und dann laß ich in der Lokalzeitung anzulesen über den Fall, den Casus eines zweiten Flüchtlingsheims, das in Prenzlau errichtet werden sollte.

00:01:43: Das begann ganz vorsichtig langsam und steigert.

00:01:47: Ich bin ja vom Hause aus Theaterkritiker, deswegen merkte ich bei mir selber, das könnte zu einem fünfaktigen, fünfaktelangen Tragekommödie werden oder wie auch immer.

00:01:59: Aber dieser Ursprungsimpuls waren so kleine Meldungen in der Lokalzeitung.

00:02:02: Es regt sich Widerstand gegen.

00:02:04: Und wie das sich dann entwickelt hat, das habe ich dann live verfolgt.

00:02:07: Und in diesem Prozess, dieses Verfolgens dieser sozusagen Verfahrenstechnischen Aneignungen eines Gefühls, da merkte ich, das ist doch interessant, diese Nahbetrachtung.

00:02:19: Und da will ich im tieferen Mich hineinbegeben und dieses Abenteuer.

00:02:24: was es am Ende war und nach wie vor ist, sich Demokratie vor Augen zu holen, sich nah ran zu holen, sich der auch auszusetzen.

00:02:34: Das war dann das Produkt dieser Entscheidung, aber es fing an mit kleinen Meldungen in der Lokalzeit.

00:02:39: Ja, verstehe ich sehr gut und wird auch deutlich.

00:02:42: Oder das Buch zeigt auch diese Form von Annäherungen an ganz unterschiedliche Personen und an ganz unterschiedliche Themenfelde.

00:02:51: Funktioniert diese Annäherung an Bremslau ja auch mit einer Entfernung von Berlin.

00:02:55: Also es ist ja zum einen für den Schreiben, für sie auch.

00:02:58: dann rückt Berlin in die Ferne und in dem, was sie schreiben, also in den Erfahrungsberichten, diese arteilnehmende Beobachtung, diese dichte Beschreibung taucht ja Berlin als die absolute Ferne aus.

00:03:13: Können Sie das mal ausführen?

00:03:14: Was ist eigentlich da Berlin?

00:03:16: Also für was steht das eigentlich?

00:03:18: Das ist die zentrale Schifre des Gegnerischen.

00:03:20: Das ist eine Schifre für alles, was man als übergriffig, demütigend, herablassend, abgehoben, alle diese Adjektive werden... in dieser Berlinformel Schifre, wie gesagt, vereinigt.

00:03:34: Das ist schon auch sehr spannend, wenn man das mitbekommt vor Ort und zwar in den unterschiedlichsten Milieu ist.

00:03:38: Das ist nicht nur, sagen wir mal, das Milieu der Abgehängten oder wie man versucht hat, das immer auszudrücken.

00:03:44: Sondern es ist eine generelle Fahnenbegriff, kann man fast sagen.

00:03:48: Also hinter dieser Fahne des Anti-Berlinhaften sammeln sich ganz, ganz viele.

00:03:52: Kann man sich darüber unterhalten, ob das richtig oder falsch ist?

00:03:55: Also empirisch stimmt natürlich alles nicht, weil ganz viel von dem, was im Prenzer funktioniert, hat ja auch... mit Berlin zu tun und mit politischen Entscheidungen, die in Berlin getroffen werden, von dem, was funktioniert.

00:04:03: Dort wird aber nur das Übergriffige und das, wie gesagt, das Aggressive eigentlich, das Moralbesoffene und so weiter und so.

00:04:11: Das wissen wir ja irgendwie alle.

00:04:12: Und alle, die wir nicht in Berlin leben, vielleicht, haben da noch mal auch ein anderes Gespür dafür.

00:04:19: Aber auch diejenigen, die in Berlin leben, können sich, glaube ich, vorstellen, was es bedeutet.

00:04:22: Es ist ja auch in anderen Ländern ganz ähnlich, wenn man sich die Aversion gegen Paris anschaut und fangt.

00:04:26: Wir hatten in Deutschland aber lange Zeit das nicht.

00:04:28: entwickelt sich jetzt, glaube ich, gerade sehr auf französische Weise.

00:04:31: Für mich selber, das ist als Selbstreflektion schon auch wichtig, diese Frage mir immer wieder aufzustellen, ich bin eben beides und ich muss auch in den Buchmuster aufpassen, dass ich nicht zu sehr dem einen Affenzucker gebe und dem anderen vergesse, dass ich der Affe selber auch bin.

00:04:47: Oder wie soll ich das ausdrücken?

00:04:48: Also ich bin natürlich genau... der, der auch in dieser Stadt als ein Fremdkörper wahrgenommen wurde und auch wird.

00:04:55: Ja, ich bin gerade jetzt, ich erzähle das hier gerne mal einfach nur aus Spaß wieder.

00:04:59: abgelehnt worden, im Rotariklub aufgenommen zu werden.

00:05:03: Im Prenzlau, weil es eine solche Aversion immer noch gegen, oder was heißt immer noch, gesteigert auch durch dieses Buch gibt.

00:05:08: In den Lokalzeitungen wurden zwar Hymnen über das Buch geschrieben, ein international ausgebildeter Altesdrücker verliebt sich in unsere Kleinstadt, aber vor Ort führt das nicht unbedingt dazu, dass die Leute mich mögen.

00:05:19: So, das ist auch dieses, der soll uns mal in Ruhe lassen, das habe ich immer wieder auch gespürt.

00:05:24: Der soll das nicht machen, der soll uns nicht beobachten.

00:05:26: Diese teilnehmende Beobachtung, die wir jetzt, glaube ich, interessiert führt vor Ort auch zu auch wiederum gegnerhaften Versionen.

00:05:33: Und das hängt natürlich auch mit meiner Verordnung in einem westdeutschen Medienhaus mit meiner Lebensführung, Habitus und so weiter zusammen.

00:05:39: Ja, also ich verstehe das sehr gut.

00:05:41: Ich denke, dass das schriftstellerisch ganz gut gelöst ist, denn es gibt eine Menge Fragezeichen.

00:05:45: Ja, absolut.

00:05:47: Und ich habe auch eine Menge Frage,

00:05:49: die da offen bleiben.

00:05:51: Ein Hauptthema des Buches.

00:05:53: Es kommt dem Titel vor, in der Nähe vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht auf die Sehnsucht kommen wir vielleicht später zu sprechen, aber auf diese Kategorie der Nähe noch einmal zu sprechen zu kommen.

00:06:03: Diese Nähe wird an ganz unterschiedlichen Phänomen, an ganz unterschiedlichen Begegnungen thematisiert.

00:06:09: Es geht um die Nähe zwischen Menschen, Nähe zur eigenen Lebenswelt.

00:06:13: und es kommt dann zu einer Betrachtung, die ich sehr interessant finde, etwa so in der Mitte des Buches, wenn sie über die Geschichte Blenzbrenzlaus sprechen und über dasjenige, was im Nationalsozialismus und danach passiert ist, als die russische Armee.

00:06:29: in Prenzlau einmarschiert ist.

00:06:30: Und dann passiert folgendes dann in der DDR-Zeit.

00:06:34: Die gelebte Erfahrung der Geschichte wird ersetzt durch Geschichtspolitik.

00:06:39: Also es wird sozusagen... der Bevölkerung oder den Bürgern wird die gelebte Geschichtserfahrung genommen oder sie wird überdeutet und geradezu entzogen.

00:06:48: Man könnte sagen, es gibt ein verlorenes historisches Bewusstsein.

00:06:51: Das ist eine spannende Frage, die mich interessiert und zwar jetzt in etwas allgemeiner Reform, weil ich denke, der Befund ist klar und wichtig an dem Prenzlau-Ereignis rausgearbeitet.

00:07:02: Aber wie kommt man aus dieser Nummer raus?

00:07:04: Also was heißt es zu sagen, Es gibt wieder so einen Rückgriff auf die Geschichte, die einen versöhnenden Aspekt haben könnte.

00:07:15: Wie würden Sie das beschreiben?

00:07:17: Ja, das ist die zentrale Frage und sie deutet auch darauf hin, dass Nähe eben nicht eine nur pulsierliche Kategorie ist.

00:07:23: Nähe heißt nicht einfach nur, dass wir jetzt hier zusammen in einem Raum sitzen und nicht am Telefon sprechen, das labt natürlich eine andere Form des Vertrauens, der Bindung, des Zusammenhangvorstellungen passiert.

00:07:33: Das ist eine wichtige Kategorie, die erste Assoziation, die man mit dem politischen Bedeutung der Nähe hat, also dass die Interaktion unter Anwesen sind, eben eine zentrale Rolle, auch gerade wieder in unseren durchdrehenden digitalisierten Zeiten.

00:07:44: Aber das ist die eine Dimension, die andere.

00:07:46: die der Sprache, also dass man eine Art des Ausdrucks finden muss, jetzt gerade wieder die näher Ausdrück, die Wärme erzeugt, die eine Form der Anziehung hat, die gerade versucht, eben das defizistisch abwertende Kaputtmachende zu ersetzen durch eine Form von Paticipationsstolzerduktus und Klang.

00:08:09: So, und die Dritte.

00:08:10: Dimension.

00:08:11: So würde ich sagen, für mich der Nähe ist die Frage in das Verhältnis zur Geschichte.

00:08:14: Da bin ich, das ist natürlich die komplizierteste und schwierigste, aber ich glaube, auch die am Ende wahrscheinlich produktivste on the long run.

00:08:23: Weil die Frage, wie wir dieses Wort Deutschland jetzt im Anbriechen des Jahrhunderts und in den nächsten Jahrzehnten... wie wir das verstehen und wie wir es konnotieren.

00:08:32: Das hat eben nicht nur was mit der deutschen Bahn zu tun.

00:08:34: Diese Polemik erlaube ich mir ja, das sagen die Deutsche Bahn muss wieder fahren, dann fühlen wir es alle glücklich.

00:08:38: Es geht auch um die Frage, wie gehen wir mit der Erinnerung um und mit dieser zweigeteilten Erinnerung und mit dieser Dominanz der einen Erinnerungspolitik oder Geschichtspolitik der Westdeutschen.

00:08:49: Und da bewegt sich gerade enorm viel und das ist hochspannend für einen historisch interessierten und affizierbaren Menschen und Beobachter.

00:08:56: Kann man sehen, wie jetzt gerade dass Erbe des Ostdeutschen neu verhandelt wird.

00:09:01: Jetzt gerade erst nicht, ist eine Fernsehserie ausgezeichnet worden, Kinderserie auf Kieler laufende, mit einem international großen Preis, Emmy Award, die das Leben in der DDR einer jungen Generation deutlich macht.

00:09:12: Das ist keine besonders gute Sache.

00:09:13: Aber man kann daran sehen, dass international auf Deutschland anders geschaut wird, jetzt gerade als noch vor zehn, fünfzehn Jahren.

00:09:20: Gut,

00:09:20: ich verstehe den Punkt.

00:09:21: Ich gehe mit vielen Dacors.

00:09:22: Nur müsste man nicht sagen, dass eine Geschichtspolitik durch eine andere ersetzt

00:09:26: wird.

00:09:26: Nein.

00:09:27: Nicht ersetzen, das ist falsch.

00:09:28: Gleichzeitigkeit ist ungleichzeitig.

00:09:30: Das sind verschiedene, wie sagt man im europäischen, verschiedene Geschwindigkeiten, die wir haben in diesem Land.

00:09:36: Das muss ich erst mal anerkennen.

00:09:37: Ich finde, ganz wichtig ist das Wort der Bestandsaufnahme jetzt.

00:09:41: Nicht sofort der Lösung, wie kommen wir zu, sondern erst mal zu sagen, die Vorstellung, die wir hatten bis eben noch.

00:09:46: war.

00:09:47: Wir reden gar nicht mehr von Ost- und Westdeutsch.

00:09:48: Wir brauchen diese Kategorien nicht mehr.

00:09:50: Wir sind ein Land, nicht mal der Patos, der Vereinigung.

00:09:53: Das war das, was uns in den letzten zwei Jahrzehnten ganz klar getragen hat.

00:09:57: Und auch ich selber würde das sagen.

00:09:58: Ja, ich bin achtundachtzig geworden.

00:10:00: Ich brauch die nicht mehr.

00:10:01: Das war falsch.

00:10:01: Und das haben ja nun viele selbst eben, sagen wir mal Leute, die jetzt das Buch aus einer kritischen, aber doch wohlwollenden Distanz lesen, wie Stefan Mao, der ja gesagt hat, das war ein Fehler.

00:10:10: Wir müssen uns diesem Ostdeutschen als eine brisante, strahlende... Identitätskategorien neu und von neuem Nähern.

00:10:18: Und das hat eben was mit Geschichte zu tun.

00:10:21: Und die Frage ist ja, wie gesagt, Ballast, Stichwort Ballast, deiner Lebensleistung, wie Angela Merkel das hier genannt hat, so haben wir geglaubt, gerade in diesem Haus, wo wir gerade sitzen, damit fertig zu werden.

00:10:31: Aber sagen, das war das falsche Abbiegung.

00:10:34: Jetzt sind wir auf dem richtigen Weg.

00:10:35: Punkt.

00:10:35: Ich würde eben sagen... Das ist aber alles nicht so schlimm, weil wir haben jetzt die Chance, eine Geschichte, erlauben Sie mir den Begriff, als eben am Ende ja doch für tunistischer Beobachter dagegen hat, aber eine Geschichte uns vorzustellen, neu, ja, die Geschichte des Landes durch eine neue erzählte Geschichte.

00:10:54: Und wenn es da jetzt eine politischen Willen gibt, nochmal neu anzusetzen in der Art und Weise, wie wir reden, über die Geschichte dieses Landes ausgewogen.

00:11:04: Aber mit einem jetzt wirklich, das kann man jetzt nicht einfach hier so eben sagen, sondern muss man sich wirklich hinsetzen und daran arbeiten.

00:11:10: Aber wir sind in einer Umwuchszeit auch das historischen Bewusstseins.

00:11:14: Wir haben das Wegsterben der Holocaust-Überlebenden.

00:11:16: Wir haben, wie gesagt, das Aufkommen einer ostdeutschen Selbstbewusstseins.

00:11:20: Wir haben eine grundsätzliche Vorstellung davon, dass dieses Land nicht mehr nur die Erzählung hat, Wohlstand und Autos für alle.

00:11:26: Also ich meine nur, wir sind jetzt gerade im sehr spannenden Moment, um intellektuell neu... Über diese Frage, was ist Deutschland in zehn, zwanzig Jahren?

00:11:33: Wie reden wir darüber, mit unseren Kindern auch nachzudenken?

00:11:36: Genau,

00:11:37: das war der Hintergrund genau zu dieser Frage des Geschichtsbewusstseins und der Krise, des historischen Bewusstseins in dieser Situation.

00:11:43: Und ich halte diesen Abschnitt tatsächlich auch in der Mitte des Buches für relativ zentral.

00:11:49: obwohl ich gerne darüber weiterreden würde, noch ein, zwei, drei Aspekte des Buches noch mal thematisieren.

00:11:54: Sie schildern an einer Stelle in ihrem Buch ganz prägnant gar nicht mal so lang eine relativ stolze Kita-Direktorin, die sozusagen im Leben steht, Verantwortung trägt, den Betrieb schmeißt, um es mal sozusagen und stolz auf das ist, was sie macht.

00:12:10: Und das spielt, das zeigt oder das zeigt für sie, dass hier ein... Besondere Art des Bewusstseins, nämlich ein Könnensbewusstsein, sich zeigt in Ausdruck, den sie von Christian Meier übernehmen.

00:12:23: Und dieser Art Könnensbewusstsein zeigt sich noch in ganz anderen Facetten des Buches.

00:12:28: Also etwa drei Ingenieure, die einen Unternehmen, das in der DDR relativ florierend war und gut funktionierte, dann über die Zeit gerettet haben.

00:12:37: Dieser Art des Könnensbewusstseins, mal ehrlich gefragt, ist das wirklich eine Prenzlauerspezialität?

00:12:43: Das ist doch... dieser Art Menschen, die im Leben stehen, die ihre Tätigkeit als erfüllend begreifen, die auch an dem Fortbestand der Tätigkeit und auch an der Perfektionierung dieser Tätigkeit und stolz sind auf diese Tätigkeit.

00:12:58: Da würde ich sagen, die treffen wir, die treffen wir doch überall.

00:13:02: Oder eben überall nicht in Deutschland.

00:13:04: Also die grundsätzliche Bereitschaft, sagen wir mal, die Kritik an allem.

00:13:10: erst mal nach oben zu stellen und nicht den Stolz auf das, was gelingt.

00:13:13: Also sozusagen darauf zu schauen, was nicht gelingt, ist größer als der Stolz auf was gelingt.

00:13:18: Ich glaube, das ist schon auch eine nationale Eigenart, die durch den kritische Theorie, sage ich jetzt mal, etwas provokativ uns allen eingeimpft wurde.

00:13:26: Sie haben völlig recht.

00:13:28: Eine so stolze Kita-Leiterin gibt sicher auch in Aachen oder Konstanz.

00:13:32: Der entscheidende Punkt ist ja nur, wie die Geschichte eines zusammenbrechenden Weltbildes.

00:13:40: Wie die Fort wirkt und durch, ich will fast sagen, die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen zutage tritt.

00:13:48: Und obwohl zum Beispiel diese Kita-Leiterin sagt, ich kann mit der Kategorie Ostdeutsch eigentlich gar nichts mehr anfangen, ich fühle mich gar nicht mehr so.

00:13:54: Würde ich jetzt vielleicht verwegen, kann man sagen, durch den Erfahrungsraum.

00:14:00: Einmal Kostellexche Anführungszeichen.

00:14:04: den Erfahrungsraum dieser Umbruchs-Situation.

00:14:08: Dass das durch die Familiengeschichten durchgeht und eben zu einem besonderen, das ist mir jetzt wichtig, einen besonderen und eigenartigen Konnotation des Könnensbewusstseins führt, die nehme ich mit dem Wort... Dennoch ein Her geht.

00:14:22: Eine Kita-Leiterin in Aachen, wenn wir jetzt sagen, natürlich hat die auch persönlich, kann sie sagen, ich habe einen Krebskrankenvater gehabt und trotzdem, aber die Geschichte hat sie nicht in ähnlicher Form gefordert.

00:14:32: Okay, dann, wenn Sie das so ausdrücken, dann würde ich es jetzt nochmal ein paar Jahrzehnte voraus oder... Die Zeit verschieben.

00:14:41: Das, was Sie unter dem schönen von Meier geborgten Begriff des Könnensbewusstseins gezeigt haben.

00:14:47: Und jetzt mit Ihrer Erläuterung des Dennoch.

00:14:49: Das ist die Zeit nach fünfundvierzig.

00:14:52: Das ist die Zeit, wogegen jede Ideologie der Stolz auf das Tätigsein und die Tätigkeit mit Blick auf ein Dennoch.

00:15:02: ausgeübt worden.

00:15:02: Wir schaffen das dennoch.

00:15:04: Genau.

00:15:05: Das ist richtig.

00:15:06: Es gab auch genau in diesem Tenor Zuschriften, die ich bekommen habe zu dem Buch, die auch das Vorwerfen, dass ich das Westdeutsche eben nicht in ähnlicher Weise als könnensbewusste Erfahrungsraum.

00:15:15: So, das ist richtig.

00:15:16: Nur, wie gesagt, das Buch ist ja jetzt geschrieben und es guckt auf dieses Land in diesem Moment, im Jahr zwei tausendfünfundzwanzig.

00:15:21: Und da ist meiner Meinung nach eben die Unterscheidung nicht so sehr, das eine ist ein Angstraum, das eine ist ein demokratisch-liberaler Raum, das eine ist auch die Unterscheidung der oder Ferne zu diesem Getestetsein durch die Geschichte.

00:15:35: Und die ist dieses Gefühl, ich werde getestet, herausgefordert von der Geschichte, die ist für mon dreißig Jahre jung auf der einen und achtzig Jahre alt auf der anderen Seite.

00:15:44: Und da würde ich eben schon, das würde ich ernst nehmen und das nehmen wir aber im politischen Diskurs zu wenig ernst.

00:15:49: Wir reden über die angeblichen Themen, die unterschiedlich behandelt werden.

00:15:55: Also sagen wir mal Russland, Nähe Russland, Liebe der Ostdeutschen, wo kommt das her?

00:16:01: Vergessen aber vielleicht diese Dimension, dass die untergründig und für die Akteure selbst unbewusst eine Rolle spielen könnte.

00:16:07: Mentalitätsgeschichtlich.

00:16:09: Wir sind als Menschen, wenn wir uns politisch äußern, ja nie nur rational argumentierende Wesen, sondern wir haben untergründige Bewusstseins geprägte... Ausdruckssehensüchte, die wir gar nicht genau wissen, warum drücken wir das jetzt gerade so aus in einem politischen Statement.

00:16:24: Das kommt vielleicht wo ganz anders her.

00:16:25: Also den Aspekt, den Sie jetzt zuletzt angesprochen haben, den wir vielleicht unter so einem Schlagwort wie politische Psychologie prüfen könnte, finde ich sehr interessant, kommen wir am Schluss vielleicht noch drauf zu sprechen.

00:16:35: Ich will noch mal die Nähe auf die Nähe zu sprechen kommen und auf eine Frage, die sich relativ früh oder die sie sich relativ früh stellen.

00:16:43: Ich zitiere sie mal.

00:16:44: Sie schreiben an einer Stelle noch scheint unklar.

00:16:47: welche Richtung die zerstrittene Reisegesellschaft Europa einschlagen wird.

00:16:51: Die Alternativen heißen womöglich gar nicht rechts oder links, sondern auch direkt versus repräsentativ.

00:16:57: Und meine Frage ist folgende.

00:16:59: Würde es den dann ausreichen, ihrer Ansicht nach, nach den Beschreibungen, nach der Bestandsaufnahme, nach der historischen... Bestandsaufnahme nach der Mentalitätsaufnahme, dass man einfach in die jetzige politische Ordnung mehr direkte Elemente, mehr Elemente direkter Demokratie einfach aufnimmt?

00:17:20: oder erwarten Sie eine Mentalitätswechsel auf der politischen Seite.

00:17:24: Ja, das ist auch eine der zentralen Fragen, die ich nicht einfach beantworten kann.

00:17:29: Dafür finde ich, für mich selber habe ich in dem Buch ja auch keine Antwort darauf gefunden, weil ich finde das eine der so schwierigen Fragen unserer Zeit.

00:17:38: Die Krise zu benennen ist relativ einfach, in der wir gerade sind.

00:17:42: Aber die jetzt Lösung dafür zu finden in einer direkten oder elementendirekter Demokratie, Bürgerräte, etc.

00:17:50: Das sollen andere besser beurteilen.

00:17:52: Ich kann, ich bleibe auf der, sozusagen, das ist schon schwer genug, finde ich für mich jedenfalls, das so ausgewogen darzustellen und eben versuchen nicht zu ideologisieren sofort, was man da vor Ort sieht.

00:18:03: Ich zitiere ja, glaube ich, in einer Stelle Berg.

00:18:09: mit der Vorstellung davon, dass eben ist ein Verrat fast schon an den Wählerinnen und Wähler ist, wenn sie das Gefühl haben, dass Volksvertreter einfach nur ihrem Bauchgefühl folgen, dass wir ein Verrat, an dem, ja, an dem, also der große konservative Geschichts- und politische Nachdenker sagt, das ist ein Verrat, wenn da Leute hinstellen und so tun, als würden sie einfach euren Bauchgefühl ein Sprachrohr geben, sondern sie sollen sich verdammt noch mal... selber anstrengen und dessen, was eigentlich das Interesse persönlich ist und das Interesse für die Gemeinschaft ist.

00:18:45: Das ist nicht so einfach, ja, darzustellen.

00:18:47: Und ich würde eben auch sagen, es ist hoch kompliziert in dem Fall von Prenzlau jetzt.

00:18:52: Sechzehntausend Leute in dieser Stadt, in Neunzehntausend Einwohnerstadt, wollen diese Flüchtlingsheim nicht und machen eine Unterschriftensammlung dagegen.

00:19:01: Das ist ein Fakt, da kann man nicht so einfach... von wer absehen.

00:19:04: Das ist demokratisch erstmal relativ eindeutig.

00:19:07: Warum sollte in einer Gemeinschaft, wo so viele dagegen sind, genau das trotzdem kommen?

00:19:13: Das ist ja die Gretchenfrage.

00:19:15: Wie gehen wir damit um?

00:19:17: Die Antwort, die die Landräte gibt, verfahrensrechtlich, ist eine Pflichtaufgabe nach Weisung.

00:19:21: Kommt von oben, wir müssen ausführen.

00:19:23: Punkt.

00:19:23: Ihr habt das Frist oder Sturb, ihr habt das zu akzeptieren.

00:19:25: Eure Mobilisierung, die viel Kraftdings gekostet hat von der AfD, ist nicht dich.

00:19:31: Wir sagen einfach aus Verfahrensgründen nicht zulässig.

00:19:34: Und das ist der Punkt.

00:19:35: Ich würde nicht sagen, ich würde nicht sagen, es ist wichtig, dass das direkte demokratische Sofortwirkung zeigt.

00:19:43: Ich würde sagen, der Umgang mit dieser Willensbekundung.

00:19:49: muss einer sein, der die Schwierigkeit das Nähebedürfnis der Menschen ernst nimmt.

00:19:54: Und nicht zu sagen, Kinder, ihr müsst mit eurem Protest nach Brüssel gehen, sagt ihr dann in einer dieser Sitzungen.

00:20:00: Ich kann leider nichts machen, ich sage es ungern, aber dafür bin ich nicht zuständig, sagt sie.

00:20:04: Ich würde es jetzt noch mal anders ausdrücken.

00:20:06: Das ist aber in der Linie, wenn man sagt, dass die politischen Parteien und die repräsentanten der Parteien an der Meinungsbildung... Beteiligt, genau.

00:20:15: Dann müssen sie auch tatsächlich beteiligt sein.

00:20:18: Es kann nicht sein, dass man sie demografisch registriert.

00:20:22: Sondern man muss die Meinungsbildung tatsächlich sich erarbeiten an den Orten, in denen sie... Das ist

00:20:27: genau der Punkt, nicht dieses Formen, Folgen und Formen.

00:20:31: Also das in einen Ausgleich zu bringen, das ist die große Herausforderung jetzt gerade, weil wie formen wir verantwortlich?

00:20:36: Wie formen wir verantwortlich?

00:20:38: Und ich glaube, eigentlich würde eben einfacher sein, wenn wir uns ein paar Ja, ich will es auch mal sagen, so höhere Worte auch zutrauen würden in den politischen Diskurs.

00:20:47: Also beim Heimatbegriff ist es ja ganz eindeutig.

00:20:49: Wir haben noch, was weiß ich, zehn, vielleicht sogar vor fünf Jahren, eine große Aversion gehabt im liberalen Milieu vor dem Heimatbegriff.

00:20:55: Und das hat man dann aber, Österreich und Grünen waren es, glaube ich, zuerst, die verstanden haben, das ist ein Begriff, der wichtig ist, um ein Milieu, oder sagen wir mal anders, um die Sehnsüchte eben.

00:21:06: Sehnsüchte sind auch Interessen.

00:21:07: Sehnsüchte einer Bevölkerung.

00:21:10: Ernst zu nehmen und sie damit... sozusagen zu einzuhägen und zu empfangen und ihnen einen Möglichkeitenraum zu schaffen, der Ausdrucksfähigkeit.

00:21:18: Wir wollen noch zwei Punkte mindestens nennen, die vielleicht jetzt ein bisschen über das Buch hinausgehen.

00:21:24: Das eine, was auffällt, wenn sie über die Nähe sprechen, das ist ja sehr sympathisch dargestellt und die Nähe bekommt bei ihnen kein schlechtes Wort in dem Buch.

00:21:33: und man kann natürlich Auch Nähe so verstehen, dass einer dem anderen auf den Leib rückt.

00:21:39: Und man kann Nähe auch so verstehen, dass es zu Verbiederung

00:21:43: kommt.

00:21:44: Also Günther Anders in der Antiquirtheit des Menschen spricht, etwa von solchen Nähen als Prozessen der Verbiederung.

00:21:51: Und dann würde ein gehöriger Schuss.

00:21:54: Distanz wäre ein gutes Rezept gegen diese Formen der Verbiederung.

00:22:00: Nein, das ist völlig richtig.

00:22:01: Und ich bekenne das auch.

00:22:03: ganz frei und flott heraus, dass es ein romantisierender Begriff von Nähe ist.

00:22:08: Ich wollte da eben nicht die Dialektik obsiegen lassen und sagen, es ist so und so.

00:22:12: Und natürlich ist die unangenehme Seite der Nähe auch die des eben permanenten Konflikts und dass es einfach nicht angenehm ist, sich die ganze Zeit so nah zu sein.

00:22:22: Und ich persönlich gesprochen habe auch am Ende wahrscheinlich... eine größere Sympathie für Außenseiter, für Exzentriker, für diejenigen, die nicht sich in so einer Tafelsituation in einem Wirtshaus zu Wort melden.

00:22:36: Auch als Theaterkritiker sind das die interessanten Figuren, die ausgeschlossenen, die abgeschlagen.

00:22:41: Aber das ist ja mal der versuchenden politisches Buch zu schreiben.

00:22:45: Wir sind hier.

00:22:45: im Literarischen, würde ich immer mich verdienen.

00:22:47: Im Politischen glaube ich aber, dass die Frage eben, können wir uns das leisten?

00:22:52: auf Distanz weiter zu setzen, in jeder Hinsicht.

00:22:54: Das können wir uns leisten.

00:22:56: Noch ein Gremium, noch eine Ausschusssitzung, noch eine Markus-Landsendung, wo danach so... Oder müssen wir jetzt mit voller Wucht gegensteuern und sagen, auch wenn es uns wehtut, wir nicht so gut aussehen erst jetzt, aber wir müssen uns mit der Kategorie der Nähe beschäftigen ernsthaft.

00:23:15: Und auch alles daran setzen, sie auszudrücken.

00:23:17: im politischen Raum.

00:23:18: Und das geht nicht nur an die Politiker, wie gesagt.

00:23:20: Die Vorstellung, dass das die Politiker machen sollen, ist schon genau der falsche Punkt.

00:23:23: Politik nah an uns heranholen als eine

00:23:26: Art

00:23:27: der Lebensführung.

00:23:28: So habe ich es ja auch etwas pathetisch ausgedrückt mit meinem Doktor-Thema-Mann Theodor Momsen, der ja sein berühmtes Testament jüngst auf der Testament überschreibt mit dem sehnsuchtvollen Ausruf.

00:23:38: Ich wünschte, ein Bürger zu sein.

00:23:40: Diesen Wunsch, den müsste man wieder... anfeuern in uns allen.

00:23:47: Und wir müssen diese Kategorie des politischen Wesens, was in uns steckt, nicht nur des Amazon Kunden oder der Moralmaschinerie, des politischen Wesens, dass das toll ist, dass das sexy ist, um es jetzt eben wirklich mal ganz banal zu sagen, dass darum sich auch eine Erotik sozusagen des Umgangs miteinander ableiten lässt.

00:24:08: Darum, glaube ich, muss es eben jetzt gehen.

00:24:11: Weil sonst haben wir keine Chance mehr über Demokratie so zu reden, dass überhaupt noch jemand versteht, was wir damit meinen.

00:24:18: Ich verstehe, dass so darum muss es gehen, muss aber dabei nicht stehen bleiben.

00:24:22: Ja, also darum muss es gehen, es muss in den Blick kommen, nämlich das wäre eine der Bedingungen, um sagen wir mal die Distanzsysteme wieder besser zu verstehen.

00:24:30: Ja,

00:24:30: natürlich.

00:24:31: Natürlich.

00:24:31: Ich meine, das Bundesverfassungsgericht soll als Bundesverfassungsgericht bleiben.

00:24:33: Wir müssen es absolut, die Aura, der Autorität, das muss einhängen.

00:24:37: Das würde ich eben sagen, habe ich auch zum Beispiel bei der Prenzlauer Premiere mit Matthias Platzek genauso gesagt.

00:24:44: Weil mir da selber das alles zuharmonisch wurde, habe ich gesagt, Politik ist... Das ja?

00:24:52: Und gleichzeitig muss eine Autorität auch.

00:24:53: da sein.

00:24:54: Also Nähe darf auch nicht heißen, dass man sich eben so gemeinsam in alles hineinlegt, sondern im entscheidenden Moment muss Politik ja auch ein Moment von Autorität, von Führung, von Stärke, von Repräsentation haben.

00:25:08: Denkt mir nur an Krisensituationen, ein Zugunglück oder so weiter.

00:25:11: Da ist ja auch genau diese Dialektik zwischen einerseits die Umarmung und andererseits das große Wort einer sozusagen über die Situation sprechenden Weise von Nöten von einem Politiker.

00:25:23: Und genau dieses Zwischenspiel muss da sein.

00:25:27: Wir müssen die Institution dadurch schützen, dass wir... die Nähe an anderen Orten stärken, um dann die Autorität der Institutionen vermitteln zu können.

00:25:38: Oder die vorletzte Frage.

00:25:39: Die letzte Frage lasse ich dann ganz offen, aber die vorletzte oder vorletztes Thema ist ganz zu Anfang und ich glaube am Schluss.

00:25:45: greifen sie es noch auf, kommen sehr auf Gilbert Ryle zu sprechen und den Mannschaftsgeist einer Fußballmannschaft.

00:25:50: Also der Philosoph Ryle in The Concept of Mind, der Begriff des Geistes fragt und seine Überlegung ist ein Kategorienfehler aufzudecken.

00:26:00: Und er fragte, was ist eigentlich der Mannschaftsgeist einer Fußballmannschaft oder irgendeiner anderen Mannschaft?

00:26:05: Wo sehe ich den denn auf dem Spielplatz?

00:26:07: Und man sieht ihn natürlich nicht auf dem Spielplatz, man kann ihn nicht sehen, wie man die Spieler sieht, aber man kann ihn erfahren.

00:26:13: Und sie fragen nach dem Mannschaftsgeist.

00:26:15: Das ist nicht meine Frage, aber die Frage ist folgende.

00:26:17: Bei ihnen taucht der Mannschaftsgeist immer im Singular auf.

00:26:20: Und es scheint ja so zu sein, dass es der eine Mannschaftsgeist ist, den sie im Blick haben.

00:26:26: Aber Gemeinschaften bilden unterschiedliche.

00:26:29: Geister dieser Form aus.

00:26:31: Wie ist dieser Plural und Singular eigentlich zu denken?

00:26:34: Das verstehe ich jetzt, sagen wir mal, vielleicht falsch, aber ich verstehe es ein bisschen oder will damit antworten mit einer Entgegnung im Deutschlandfunk auf dieses Buch, wo gesagt wurde, am Ende einer Rezension der Begriff der Gemeinschaft ist an sich Begriffsgeschichte ideologisch problematisch.

00:26:50: Wir haben den Begriff der Gesellschaft.

00:26:52: Ja, ja, und das zeigt ein Neurecht des Denken, so der Rezension des Deutschlandfunk, dass man sich auf Gemeinschaft beruft.

00:27:01: Habe ich auch schon mal nachgedacht.

00:27:02: und jetzt, dass der Autor den Tönnis nicht zitiert, ist ein vertale sein.

00:27:06: So, ich habe Tönnis in meiner Dissertation zitiert, deswegen kenne ich das und habe es mit Absicht gemacht.

00:27:11: Ich habe das nicht aus sozusagen Unkenntnis, sondern ich habe explizit den Gemeinschaftsbegriff gewählt.

00:27:17: Auch in Anerkennung, sagen wir mal, der missbräuchlichen Verwendung, so wie Wagner ja auch missbräuchlich verwendet wurde und so hin und so.

00:27:24: Entscheidendes Volksgemeinschaft ist nicht das, was mich interessiert natürlich oder was ich in irgendeiner Weise damit hineindenke, sondern es geht um eine.

00:27:31: Ich benutze ja diesen vielleicht etwas zu weichen, aber emotionalen Gemeinschaft.

00:27:35: Das ist das, was ich mir vorstelle.

00:27:36: Dass es eine gefühlskluge Art ist, die Gemeinschaft zu denken, wo natürlich auch diesen Begriff der Einwanderungsnation, also zwei eigentlich erst mal konkurrierende Begrifflichkeiten Einwanderungsnationen zusammen... zu bringen, halte ich für potenziell auch wichtig und möglicherweise produktiv.

00:27:52: Also Worte sind schon nicht unwichtig, gerade auch in unserer Zeit der Digitalisierung.

00:27:57: Ganz schnell kann ja so ein Wort auch ganz viel bewirken, gerade jetzt.

00:28:01: Das darf man nie vergessen, also es ist eigentlich eine Hochzeit von Rhetorik im Moment.

00:28:06: Ich will aber schon etwas provokativ antworten auf die Frage und glaube, dass wir uns dieses Wie soll ich es ausdrücken?

00:28:13: Alt hergebrachte bundesrepublikanische Vorstellung von verschiedenen Gemeinschaften, Wahrbarn, so rum.

00:28:18: Und wir brauchen nicht das eine.

00:28:20: Ich glaube, auch das können wir uns fast nicht mehr leisten.

00:28:22: Wir müssen uns hinter dem Begriff Deutschland wieder etwas mehr vorstellen können.

00:28:27: Und wir müssen diesen Begriff ernsthaft verantwortlich nehmen.

00:28:32: Angela Merkel hat... meiner Warnung war es zu wenig von Deutschland gesprochen, zu wenig von Deutschen, war aus Angst, wenn jemand Deutschland sagt, ist er eigentlich schon kurz vor der Wiederaussufung des faschistischen Staates oder des Dritten Reichs.

00:28:50: Genau das, genau das.

00:28:51: Und da müssen wir eben schon glaube ich jetzt... Das wird ja auch jetzt an allen Orten so.

00:28:56: Der Patriotismus ist ja auch ganz interessant, dass auf einmal jetzt eine Partei wie die Grünen die lange Zeit genau sozusagen, ich sag es jetzt mal wirklich, in Deutschland Verrecke gerufen haben oder jeder, der Deutschland sagt, ist sowieso schon verdächtig, jetzt auf einmal der Patriotismus in diese Partei reingewandert ist, ja auch ein hochinteressanter.

00:29:12: Egal, ich würde erst mal sagen, die identitätspolitische Liberalität zu sagen, wir lassen alle möglichen Formen zu, solange sich die Menschen wohlfühlen, wollen wir nicht verletzen usw.

00:29:23: Das war der Versuch der letzten Jahre, jetzt auch intellektuell gesehen, das zu fördern.

00:29:28: Das hat nicht dazu geführt, dass wir dieses System Demokratie schützen und stabilisieren.

00:29:33: Die Demokratie muss... stark sein, damit Minderheiten geschützt werden.

00:29:37: Aber die Vorstellung, dass wir die Demokratie starken, dadurch dass wir die Minderheiten nur im Zentrum sitzen, die hat sich als Illusion erwerben.

00:29:43: Wir müssen die Demokratie und die deutsche Demokratie auch verbal und rhetorisch so ausrüsten, dass sie nicht in Versuchungen gerät, unter Deutsch irgendetwas mit Volksgemeinschaft, Ethnisch und so weiter.

00:29:56: Das ist ja eine ganz klar gezogene Linie, auch die ich in dem Buch mache, wo man auch trennen kann zwischen Leuten in der AfD.

00:30:03: Das ist schon einfach ein Kriterium.

00:30:04: Es gibt da Leute, die ganz klar völkisch argumentieren, die gehören meiner Meinung nach eben dann wirklich in einen Verfassungsschutzbericht.

00:30:11: Aber wenn wir da eben nicht genau sind und... und pauschal sagen, weil die das benutzen, das Wort Deutschland.

00:30:18: Deswegen sprechen wir lieber von, sozusagen, mit Worten, die uns irgendwie wärmer und näher am Herzen sind.

00:30:24: Das ist dann auch nicht gut.

00:30:26: Wie gesagt, Heimat ist ein Beispiel dafür.

00:30:27: Es braucht ein bisschen robuste Begriffswahl.

00:30:30: Okay, daran anschließen und damit die letzte Frage.

00:30:33: Aber sie greift eigentlich das auf, worüber wir jetzt gesprochen haben.

00:30:37: Es gibt einen Abschnitt in dem Buch, glaube ich, auch gegen ihr, gegen Ende des Buches.

00:30:40: Was kann der Brenzlauer Berg von Brenzlau lernen?

00:30:45: Und was würden Sie denn mit der These anfangen?

00:30:46: Gar nichts, weil beide nämlich Gemeinschaften der Nähe sind.

00:30:51: Ja, ist sicher richtig.

00:30:52: War auch so ein Slogan, natürlich, den man so in so einem Buch werbemäßig, PR-mäßig dann irgendwann mal auch braucht.

00:30:57: Wobei ich auch jetzt mittlerweile sagen würde, war gar nicht so hilfreich, weil er auch ein bisschen banal ist.

00:31:01: Und ich glaube, sie haben völlig recht.

00:31:03: Auch im Prenzlauer Berg kann man sehr viel über Nähe lernen, Nachbarschaften an sich.

00:31:08: Hat man jetzt ja gerade auch beim New Yorker Bürgermeister gesehen, mit welchem Konzept er erfolgreich war.

00:31:13: Neighborhoods, ja.

00:31:14: Also Nähe, das würde ich deswegen freuen, dass ich es zum Abschluss nochmal sagen.

00:31:20: Die grundsätzliche Vergewisserung dessen, dass das politische Aus einer Erfahrungswelt der Nachbarschaft heraus erwachsen könnte.

00:31:29: Auch die Wirksamkeitserfahrung ist ja das Lieblingswort mit Wirksamkeit.

00:31:33: Das könnte manchmal eben uns ein bisschen klarer sein, dass man sich da auf die Dimensionen des alltäglichen Allgegenwärtigen, der Interaktion der Anwesenden, wie gesagt, konzentriert.

00:31:44: Und deswegen, das hat dann nichts mit Ostdeutsch und mit Geschichte.

00:31:46: Und so ist halt einfach was mit der Vergegenwärtigung.

00:31:49: zu tun, vergegenwärtigen, was in meiner Nähe ist und das als politisches Feld verstehen, in dem ich tätig werden kann und in dem ich ein Erfolg, sagen wir mal, der Gemeinschaft feiern kann.

00:32:01: Und selbst wenn es eben die, sagst du jetzt ganz banal und gleichzeitig ganz heilig am Ende, selbst wenn es ein gemeinsames Abendessen in einem Haus ist, wo sonst die Airbnb zum Teil nur noch Airbnb-Leute sind, aber die Anstrengung zu unternehmen, die alle an einen Tisch zu holen, einen Abend oder kann auch ein politischer Akt sein.

00:32:18: Dadurch immer da, wo Menschen aufeinander treffen, die sich sonst nicht treffen würden, so würde ich sagen, diese Raumgeschichte kann ein positives Gefühl für Deutschland

00:32:39: geben.