Jenseits des Geldbeutels
Shownotes
Thomas Petersen untersucht, wie wirtschaftliche Unsicherheit und Hilflosigkeit politische Radikalisierung fördern und populistischen Parteien Zulauf verschaffen.
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00:00:00: Jenseits des Geldbeutels.
00:00:02: Zur These der Radikalisierung aus wirtschaftlichen Gründen, von Thomas Patterson.
00:00:08: Beginnen wir mit einem alten Witz.
00:00:11: Ein Mann läuft durch die Fußgängerzone und benehmt sich seltsam – alle drei Schritte springt er in die Luft und klatscht in die Hände!
00:00:19: Ein Passant fragt ihn warum er das tue.
00:00:21: Handwort?
00:00:23: Um die Krokodile fernzuhalten… aber hier gibt es doch gar keine Krokodyle.
00:00:29: Sehen
00:00:29: Sie?!
00:00:30: Wenn zwei Dinge gleichzeitig geschehen, neigt man dazu anzunehmen dass es sich um ein Verhältnis von Ursache und Wirkung handelt.
00:00:37: Doch oft scheint dies nur so zu sein.
00:00:39: Es spricht einiges dafür das die ökonomischen Sorgen die viele Bürger in den letzten Jahren besonders seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben Und der gleichzeitige Aufstieg radikaler politischer Parteien in Deutschland auch ein solcher Fall sind.
00:00:52: Beide Entwicklungen sind gut dokumentiert Weil Ergebnisse und Wahlumfragen zeigen, wie sehr die politische Mitte in Deutschland unter Druck geraten ist.
00:01:00: Bei der Bundestagswahl-Zweißen-Fünfundzwanzig empfiehlen zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland weniger als zwei Drittel der Zweitstimmen auf die traditionellen und zweifelhaft demokratischen Parteien.
00:01:12: Die Parteinlandschaft hat damit den gleichen Grad der Polarisierung erreicht wie bei der Reichstagswahl-Nahnsinhundertundzwanzig – keine fünf Jahre vor der Machtübernahme Adolf Hitler's!
00:01:22: In den Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach haben sich die Anteile derjenigen, Im August-Zweijern-Zwanzig wurden die Befragten einer Bevölkerungsumfrage Gebeten anzugeben, wie weit die damals besonders hohe Inflation ihr eigenes Leben beeinflusse.
00:01:57: Fünfzehn Prozent sagten daraufhin dies betreffe sie selbst stark.
00:02:01: Weitere siebenundvierzig Prozent meinten Sie betrefe sie etwas.
00:02:04: Zusammengenommen sagten also fast zwei Drittel der Befragten, sie seien persönlich von der Krise betroffen.
00:02:10: Was diese Zahlen bedeuten, zeigte Vergleich zu einer Umfrage aus dem Jahr Zwei-Tausendneun als die damalige Finanzkrise immerhin zum stärksten Rückgang der Wirtschaftsleistung binnen eines Jahres in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands geführt hat.
00:02:22: Damals sagten lediglich sechsundzwanzig Prozent sie selbst seien durch diese Krise betroffen gewesen.
00:02:27: Ebenfalls im August Zweitausendzweinzwanzich wurde gefragt welche Dinge den Bürgern große Saugen machen.
00:02:32: In erster Stelle standen genannt von dreiundachtzig Prozent die Preissteigerungen gefolgt von dem Krieg in der Ukraine, achtzig Prozent.
00:02:40: Am bemerkenswertesten war aber das eine Mehrheit von einundfünfzig Prozent angab sie mache sich große Sorgen dass Sie ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen könne.
00:02:49: Eine Recherche im Archiv des Allensbacher Instituts ergabt ,dass dieses Thema zum letzten mal im September nineteenhundert fünfzig in einer Allensbacher Umfrage angesprochen worden war.
00:02:58: Damals wurde die Frage gestellt Haben sie schon genug Kohlen für den nächsten Winter?
00:03:03: Die Hälfte der Befragten antwortete mit Ja.
00:03:06: Seitdem über sieben Jahrzehnte hinweg war die Frage, ob im Winter die Wohnung kalt bleibt in den Allensbacher Umfragen und höchstwahrscheinlich damit auch in der Bevölkerung allgemein kein Thema mehr.
00:03:17: Angesichts dieser Befunde glaubt man nur noch eins-und-eins zusammenzellen zu müssen!
00:03:21: Die Bevölkerung spürt finanziellen Druck wie seit Jahrzehn nicht mehr – das scheint es doch nur folgerichtig zu sein, dass sich die Bürger radikalisieren.
00:03:29: War nicht schon die Weimarer Republik an der Weltwirtschaftskrise ab?
00:03:34: Und für die Wähler der AfD war doch bereits vor vielen Jahren das Stichwort vom abgehängten Präkariat im Umlauf.
00:03:41: Wenn man das Thema allerdings etwas intensiver untersucht, merkt man rasch dass die These von der Radikalisierung als Folge von sozialer Not wahrscheinlich nicht stimmt.
00:03:50: Die meisten AfD-Anhänger sind keineswegs sozial abgehängt.
00:03:53: Vor allem aber ist die Bevölkerung in den letzten Jahren politisch nicht radikaler geworden.
00:03:58: Das zeigen eindeutig die Ergebnisse, der seit-zweitausendneun wiederholt in die Umfragen aufgenommenen allen Spracher Radikalismusskala.
00:04:04: Mit der er sich messen lässt ob jemand links oder rechts radikal ist unabhängig von der Parteisempathie.
00:04:10: Wie extrem denken die Deutschen?
00:04:12: Zur Konstruktion der Radikalismoskala wird dem Befragten eine Vielzahl von Aussagen vorgelegt mit der Frage ob sie diesen Aussagen zustimmen oder nicht.
00:04:21: Die gemeinsame Auswertung der Antworten zu all diesen Aussage ermöglicht es jemandem als radikal oder gemäßigt einzustufen.
00:04:27: Diese Aussagen umfassen eindeutig linke Thesen wie Sozialismus ist eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt wurde.
00:04:33: Oder Kapitalismus bedeutet Ausbeutung eindeutlich rechte Positionen?
00:04:38: Es gibt so viele Ausländer in Deutschland oder wenn wir nicht aufpassen wird Deutschland ein islamisches Land und allgemein autoritäre oder populistische Einstellungen, die sowohl mit einer Rechten als auch einer linken Gesinnung verbunden sein können wie Wir leben noch scheinbar in einer Demokratie.
00:04:53: Tatsächlich haben die Bürger nichts zu sagen.
00:04:57: Manchmal muss man sich gegen die Vertreter des Systems mit Gewalt zu wehrsetzen.
00:05:02: Die Logik solcher Skalen wird oft missverstanden, natürlich ist bei Weitem nicht jeder gleicher als Extremist einzustufen der der Aussage wir leben nur scheinbar in einer Demokratie zustimmen.
00:05:12: Die meisten die diese Antwort geben sind keine Extremisten aber umgekehrt gibt es praktisch keinen Extremisten.
00:05:18: der dieser Antwort nicht gebt.
00:05:20: erst in der Summe gewinnen die Antworten ihre Aussagekraft.
00:05:23: Erst wer acht, neun oder zehn der Aussagen zustimmt – die die Grundlage des Scala-Bilden kann als Extremist eingestuft werden.
00:05:30: Mithilfe dieser Scala lässt sich die Bevölkerung in sieben Gruppen einteilen.
00:05:34: Rechtsradikale, ausgeprägt rechtsdenkende, gemäßigte Rechte, Personen, die politisch in der Mitte stehen, gemässigter Linke, ausgepraegt linksdenkenden und linksradikaler.
00:05:45: Zwei tausendneinzehn machten Linksund Rechtsradikaale zusammengenommen sechs Prozent der gesamten Völkerung aus.
00:05:50: Weitere vierundzwanzig Prozent ließen sich als ausgeprägte Linke und Rechte mit gewissen autoritären Zügen im Denken einstufen.
00:05:57: Fünf Jahre später hatte sich an den Zahlen praktisch nichts verändert.
00:06:01: Radikale machten nun fünf Prozent der Bevölkerung aus, ausgeprägt links- oder rechtsdenkende dreiundzwantig Prozent.
00:06:08: Ganz offensichtlich wenden sich auch viele politisch gemäßigt denkende Bürger dem Partein am Rand des politischen Spektrums zu.
00:06:14: Dies wird auch deutlich, wenn man die Einstufung der Anhänger der verschiedenen Parteien auf der Radikalismus-Gala betrachtet.
00:06:20: Im Jahr im Jahr ist es ja nicht so, dass die Anhänge von AFCs und Rechtsradikale noch viel in die Kategorie ausgeprägt rechtsdenkenden.
00:06:29: Der Anteil dürfte sich seitdem nach erhöht haben – seitdem ist die Zahl der Anhänger weiter gestiegen ohne das es Anzeichen dafür gibt, dass sich in der Bevölkerung nun doch ein plötzlicher Radikalisierungsschub vollzogen hätte!
00:06:41: Ähnlich wie unter den Anhängern der AfD befinden sich auch unter denen der Linken viele Nichtradikale.
00:06:47: Warum also wählen viele politisch gemäßigte Menschen radikale Parteien?
00:06:52: Es gibt wahrscheinlich zwei Antworten auf die Frage, Verunsicherung und das Gefühl bevormundet zu werden.
00:06:57: Letzterer Punkt wurde ausführlich in dem Artikel Andersgespaltenen der Oktoberausgabe-Zweizundfünfundzwanzig der Zeitschrift Die Politische Meinung behandelt.
00:07:06: Erstere wird bis heute oft unterschätzt.
00:07:09: Die Krisen der letzten Jahre haben bei vielen Menschen zu einem Verlust von etwas geführt, was man politisches Ur-Vertrauen nennen könnte.
00:07:16: Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der Frage – neulich sagte jemand – nach all diesen Ereignissen der letzten Jahren, Umstürze, Veränderungen und so weiter muss ich sagen, Ich kann die Welt nicht mehr verstehen!
00:07:28: Wie empfinden Sie das?
00:07:29: Geht es Ihnen auch so oder geht Ihnen das nicht
00:07:32: so?".
00:07:32: Diese Frage wurde zum ersten Mal im Jahr nineteenhundertzwei neunzig gestellt damals in erster Linie um die psychologischen Auswirkungen der Umbrüche in Ostdeutschland nach der politischen Wende
00:07:41: n.a.,
00:07:42: ermessen zu können.
00:07:44: Etwa die Hälfte der Befragten, die eine konkrete Angabe machten, sagten damals – wie auch bei gelegentlichen Wiederholungen der Frage in den folgenden Jahrzehnten – sie könnten die Welt nicht mehr verstehen.
00:07:54: Noch im Jahr two-tausendneunzehn lag der Wert bei dreiundvierzig Prozent.
00:07:58: Im Herbst zweiundzwanzig war er dagegen auf neunundfünfzig Prozent gestiegen.
00:08:04: Krisen, die aus einer Bedrohung außerhalb des eigenen Landes resultieren, führen meist dazu dass sich die Bevölkerung hinter ihrer Regierung versammelt.
00:08:11: Man spricht in diesem Zusammenhang von der Stunde der Exekutive.
00:08:15: Zuletzt konnte man diesen Effekt noch zu Zeiten der Corona-Pandemie beobachten.
00:08:19: Damals nahm die Zustimmung zur damaligen Bundesregierung mit dem Ausbruch der Pandemie stark zu.
00:08:24: Doch nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine und in der darauf folgenden Wirtschaftskrise konnte von einer Stunde der exekutive keine Rede sein.
00:08:32: Auf die Frage, haben Sie das Gefühl, die Regierung hat die Lage im Großen und Ganzen im Griff oder hatten sie nicht das Gefühl?
00:08:38: antworteten in dem Jahr-Zwei-Tausend zweiundzwanzig fünfundsechzig Prozent.
00:08:42: Sie hätten den Eindruck, die Regierungen habe die Lage nicht im
00:08:44: Griff.".
00:08:45: Dabei ist besonders bemerkenswert, dass sich dieses Urteil durch alle politischen Lager zog.
00:08:50: Auch die Anhänger der damaligen Regierungsparteien sagten mit klaren Mehrheiten, daß sie glaubten, ihre Regierung habe die.
00:09:01: Aus diesen depressiven Stimmungen ist die Bevölkerung seitdem nicht mehr herausgekommen.
00:09:05: Auf diese hat aus dem Jahr immer zum Jahresende gestellte Frage, sehen Sie dem kommenden Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?
00:09:13: antworteten im Dezember-Zweißen-Zweiundzwanzig nur achtundzwantig Prozent mit Hoffnungen?
00:09:18: Das war der niedrigste Wert seit dem Jahr neunzehntundfünfzig unter dem Eindruck des Koreakrieges noch ein Prozent weniger gemessen wurde.
00:09:25: Im Dezsembar-Zwoißen und Zwanzig gaben dreiunddreißig Prozent dieser Antwort Im langfristigen Vergleich ein noch immer außergewöhnlich niedriger Wert.
00:09:34: Eine solche Stimmung bedeutet einen Konjunkturprogramm für populistische Parteien.
00:09:38: Fragt man nach den Gründen, die AfD oder das BSW zu wählen gehört bei den potenziellen Wählern beider Parteien die Aussage Ich habe das Gefühl unter der Führung der anderen Parteien geht das Land den Bach runter zu den am häufigsten genannten Punkten.
00:09:52: Es ist also nicht so sehr die eigene soziale Lage sondern vielmehr das verbreitete Gefühl der Hilflosigkeit, dass viele Menschen in die Arme radikaler Parteien treibt.
00:10:01: Der Eindruck, das Land rutsche immer tiefer an eine Krise und die Politik könne oder wolle nichts dagegen
00:10:06: tun.".
00:10:07: In diesem Sinne kann man die Stimmen für die AfD als Hilfeschrei interpretieren.
00:10:13: Über den Autor Thomas Petersen Geboren in Hamburg.
00:10:17: Kommunikationswissenschaftler und Meinungsforscher Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach Gelesen von David Endres Die politische Meinung Neutral geht gar nicht.