Wissen, was zu tun ist

Shownotes

Christian Bermes definiert Macht als zentrale Kategorie politischen Handelns und interpretiert sie neu als Verantwortungsfähigkeit statt bloßer Durchsetzungskraft.

Transkript anzeigen

00:00:00: Wir sprechen täglich von Macht und wissen doch nicht, was damit gemeint ist.

00:00:12: Politisches Handeln ist ohne Macht nicht denkbar – die Definition von Macht bleibt aber ein blinder Fleck!

00:00:19: Wer allerdings Macht beansprucht muss wissen worum es geht.

00:00:23: Die Machtfrage ist für die Politik zentral Nicht zuletzt in einer Zeit, die zerrissen ist zwischen irrlichtandem Selbstermächtigungen und ohnmächtiger Machtzügelung.

00:00:35: Die Machtfrage ist man vielleicht zu schnell in den letzten Jahrzehnten ausgewichen.

00:00:40: Von Macht wird in vielfachem Sinne gesprochen – es ist wieder einmal die Zeit der Großmächte!

00:00:46: Staaten mit imperialnem Anspruch nach Innen- und Außen beherrschen die Bühne aber auch Personen Institutionen oder Strukturen werden als Träger von Macht angesehen.

00:00:58: Die Macht des Bundespräsidenten wird in seinen Worten gesucht, die Macht das Bundesverfassungsgericht zeigt sich eher ins zurückhaltender Aufdringlichkeit.

00:01:08: Die macht der Verwaltungsapparate wirkt subtil aber tiefgreifend und umfassend.

00:01:14: Macht wird nicht immer trennscharf von Gewalt- oder Stärke unterschieden.

00:01:19: Zwar können auch Wörter verletzen, die Macht der Sprache ist allerdings etwas anderes.

00:01:24: Stärke als Kraft kann Macht zur Geltung bringen – doch bekanntlich können auch die Schwächsten ihre Macht ausspielen!

00:01:32: Die Kirchengeschichte könnt genügend Beispiele.

00:01:35: Martin Magandy, Martin Luther King und viele andere haben es ebenfalls bewiesen.

00:01:42: Der Mensch als Ursprung- und Grenze der Macht.

00:01:47: Ursprungen und Begrenzung der Macht wurden an verschiedenen Orten gesucht.

00:01:51: Lange Zeit war Gott, Quelle und Grenze von Macht wiederum lange Zeit die Natur.

00:01:57: Doch beides scheint nicht mehr einfach zu überzeugen.

00:02:01: Gott ist vielen zu fern – Die Natur fielen wiederum zu nahe um Macht zu limitieren.

00:02:07: Es bleibt also nur noch der Mensch als Ursprung und Grenzel der Macht.

00:02:12: Das macht die Rache keineswegs einfacher.

00:02:15: Im Gegenteil Die Machtfrage wird umso belastender, wenn sie keine Entlastung mehr durch Gott oder Natur erfährt.

00:02:23: Die Rhetorik der Macht ist selbst ein Machtinstrument im politischen Geschäft.

00:02:28: Wer auf Macht aus ist bedient sich der Macht.

00:02:31: Im politischen Feld werden Machtapparate als Trutzburgen- oder Speerriegel installiert.

00:02:36: Mediale Präsenz und Inszenierung werden als Machtmittel verstanden.

00:02:41: Politische Akteure wollen nicht gern als Machtbewusst beschrieben werden, obwohl sie nichts anderes sind und es sogar sein müssen.

00:02:48: Doch selbst dem ausgebuftesten Machtpolitiker kann es passieren, dass ihm im politischen Handeln die Macht aus der Hand gleitet oder auch gerissen wird.

00:02:58: Schon die Übersicht zeigt das sich der politische Machtbegriff einer einfachen begrifflichen Bestimmungen zieht.

00:03:05: Während Repräsentation, Legitimation, Rechtsstaatlichkeit und vieles mehr relativ stabile Bedeutungsräumer als politische Termini ausgebildet haben bleibt die Bedeitung von Macht eigentümlich opaque.

00:03:18: Der Ausdruck scheint auf ein Netz unterschiedlicher unter sich zum Teil widersprechender Bedeitungen zu verweisen deren Zusammenhang implizit bleibt.

00:03:27: Auch die neueren Überblickstarstellungen der politischen Theorie stellen die eigentümliche Zerstreuung des Wortgebrauchs heraus.

00:03:35: Macht erscheint dort zugleich als Herrschaft, Gewalt, Wissen, Institutionen, Kommunikation und Ordnung.

00:03:45: Interessant für unsere Zeit ist besonders das im Falle von Macht ihre Kehrseiten oftmals klarer hervortreten als der Begriff der Macht selbst – was Macht letztlich bedeutet.

00:03:55: mögestrittig sein und bleiben!

00:03:57: Was Machtverlust, macht Missbrauch, macht Anmaßung oder Ohnmacht bedeuten wird dagegen unmittelbar verstanden.

00:04:06: Oder man gibt zumindest vor es zu verstehen.

00:04:09: Jeder weiß sofort das Macht-Missbrauch verwerflich ist – aber kaum jemand will einen positiven Begriff von Macht fassen!

00:04:17: Die politische Sprache der Gegenwart scheint in der negativen Polung die Welt einfacher und schneller zu begreifen….

00:04:24: Die entgrenzte Macht des Autokraten, die Ohnmacht zerfallener Staaten oder die moralische Selbstüberschätzung gesellschaftlicher Bewegungen lassen sich meist leichter beschreiben als die positiven Facetten der Macht.

00:04:37: Sichtbar wird Macht häufig erst in ihrer Störung über Dehnung oder Erosion.

00:04:43: Die moderne Machttheorie beschreibt Macht deshalb zunehmend nicht als Besitz, sondern als rationale Struktur die Erwartungen stabilisiert, Wirklichkeit organisiert und Zustimmung erzeugt.

00:04:56: Doch will man sich damit zufrieden geben dass man keinen klaren Begriff von Macht mehr fassen kann?

00:05:02: Will man vor der Bestimmung des Machtbegriffs kapitulieren?

00:05:07: Ein solches zurückweichen kann nicht erstrebenswert sein!

00:05:11: Das Feld zu räumen bedeutet nur, es anderen zu überlassen.

00:05:15: Meist in Macht gierigen.

00:05:18: Gewiss gibt es vielerlei Redeweisen von Macht konkurrierende theoretische Traditionen und widersprüchliche Beschreibungen.

00:05:26: Dennoch lässt sich ein gemeinsamer Kern ausmachen, indem die verschiedenen Bedeutungen von Macht sich schneiden.

00:05:33: Macht zeigt sich dann – und Macht ist notwendig wenn man mit einer Aufgabe betraut wird!

00:05:39: Wer mit einer Aufgabe betraut wird und sich dieser Aufgabe stellt, muss sicherlich Fähigkeiten besitzen um die Aufgabe zu meistern.

00:05:47: Er muss etwas können!

00:05:49: Doch ihm kommt dank eine Übertragung einer Bevollmächtigung oder Autorisierung immer auch die Macht zu, die Aufgabe zur Schultern.

00:05:58: Macht bedeutet Verantwortungsfähigkeit.

00:06:02: Darum ist auch Macht durch-und durch eine Sache des Menschen.

00:06:06: Denn nur der Mensch, wie es die philosophische Anthropologie herausstellt hat nicht einfach ein Leben.

00:06:12: Menschen müssen ihr Leben führen!

00:06:15: Genau darin liegt der anthropologische Ursprung der Machtfrage.

00:06:19: Der Mensch fällt nie vollständig mit sich selbst zusammen und genügt sich selbst.

00:06:25: Er bleibt sich selbst gegenüber offen unabgeschlossen und exzentrisch Eben.

00:06:31: deshalb wird ihm sein eigenes Leben zur Aufgabe.

00:06:35: Dieser Aufgabe kann nicht ohne Formgebung bewältigt werden.

00:06:39: Menschen müssen entscheiden, ordnen Gewichten, priorisieren und sich in Institutionen rollen, gemeinsamen Traditionen und Ordnungen inform halten.

00:06:49: Macht entsteht somit nicht erst als Herrschaft über andere – sie ist zunächst Ausdruck menschlicher Weltoffenheit und des menschlichen Anspruchs etwas aus Sicht zu machen!

00:07:01: Weil der Mensch nicht einfach IST sondern werden muss, bedarf er der Macht – über Dinge, Situationen und nicht zuletzt über sich selbst.

00:07:12: Es ist dem Menschen dank seiner eigenen Natur aufgetragen, sich der Aufgabe des Lebens zu

00:07:17: stellen.".

00:07:19: Von diesem Aspekt aus gewinnt auch der politische Begriff der Macht eine andere Kontur.

00:07:24: Macht bedeutet dann nicht zuerst Durchsetzungskraft sondern Verantwortungsfähigkeit.

00:07:30: Wer Macht hat, besitzt nicht einfach mehr Möglichkeiten als andere.

00:07:34: Er steht unter dem Anspruch einer Aufgabe die über ihn hinausweist und die ihm aufgetragen ist.

00:07:40: Darin unterscheidet sich Macht von bloßer Willkür.

00:07:44: Willkühr kennt nur Gelegenheit – Macht dagegen Auftrag.

00:07:49: Sie bindet den Handelnden an eine Sache, die nicht frei erfunden werden kann erst recht nicht von der Machthaber selbst.

00:07:56: Darum ist Macht auch nicht notwendig das Gegenteil von Freiheit.

00:08:00: Macht lebt nicht von blinder Unterordnung, sondern von der Fähigkeit Aufgaben so sichtbar und greifbar zu machen dass andere sich in ihnen wiedererkennen können.

00:08:10: So es macht auch niemals reine Unmittelbarkeit.

00:08:13: Sie zehrt von Vermittlung.

00:08:15: Wo Vermittlungen gelingt erscheinen Aufgaben als gemeinsame Aufgaben.

00:08:20: wo Vermittelung zerfällt bleiben nur noch Ermächtigungsfantasien Eigentümliche Ersatzformen der Macht.

00:08:30: Die politische Krise, die in der Gegenwart dazu führt dass moderne Demokratien an sich selbst zweifeln lässt sich auch als Krisersäucher Aufgabenbeschreibungen verstehen.

00:08:41: Vieles spricht dafür das moderne Gesellschaften über enorme technische und administrative Möglichkeiten verfügen aber immer größere Schwierigkeiten haben zu artikulieren wofür diese Möglichkeiten eingesetzt werden sollen.

00:08:53: Verwaltung ersetzt Aufgabe, Steuerung ersetzt Orientierung.

00:08:57: Kommunikation ersetzt Urteilskraft.

00:09:00: Politik droht zu einem bloßen Management gesellschaftlicher Komplexität zu werden wenn sie keine gemeinsame Vorstellung davon mehr besitzt was zu tun ist.

00:09:10: Dadurch wird Politik machtlos und gerade deshalb nimmt die öffentliche Nervosität zu.

00:09:16: Wo Aufgaben unscharf werden verliert Macht ihre Form.

00:09:20: Es bleibt dann nur noch der Kampf um Einfluss Aufmerksamkeit und Deutungshoheit.

00:09:25: Die Machtfrage wird personalisiert, moralisiert oder psychologisiert weil ihre Ausrichtung auf eine Aufgabe verloren geht.

00:09:33: Hierin liegt auch der tiefere Grund dafür warum moderne Demokratien so empfindlich auf Orientierungslosigkeit reagieren.

00:09:41: Demokratien leben nicht allein von Verfahren Institutionen und Mehrheiten.

00:09:46: sie leben davon dass Bürger Regierungen und Institutioner wissen was zu tun ist Welche Aufgabe ansteht, welche Aufgabe Verbindlichkeit erfordert?

00:09:56: Das lässt sich nicht einfach mit Kommunikationsagenturen lösen.

00:10:00: Wo dieses Wissen schwindet entstehen jene eigentümlichen Ersatzformen der Macht die gegenwärtig fast überall zu beobachten sind.

00:10:08: moralische Erregungsöffentlichkeiten identitäre Selbstvergewisserungspfantasien oder autoritäre Sehnsüchte.

00:10:15: All diese Erscheinungen versuchen auf ihre Weise den Verlust gemeinsamer Aufgaben zu kompensieren.

00:10:21: Doch gerade darin zeigt sich ihre Schwäche.

00:10:24: Denn Macht gewinnt Dauer und Beständigkeit nicht aus Lautstärke oder moralischer Selbstgewissheit, sondern aus der Fähigkeit menschliches Handeln auf eine geteilte gemeinsame Wirklichkeit zu beziehen.

00:10:36: Fehlt diese?

00:10:37: Oder wird sie fortwährend geleugnet, zerrinnt Macht bevor sie gewonnen ist?

00:10:43: Ausgehend davon wird zugleich sichtbar wie unerquäglich ein falsches Ausspielen von Macht gegen Geist ist!

00:10:49: als ob Macht notwendigerweise Härte, Zwang und Unterdrückung bedeutete während Geist allein Kritik, Zurückhaltungen oder Distanz verkörperte.

00:11:00: Tatsächlich exekutieren Menschen nicht einfach Aufgaben Sie formulieren sie überhaupt erst.

00:11:05: Keine politische Ordnung lebt von bloßer Energie- oder bloßer Durchsetzungskraft.

00:11:10: Sie lebt auch nicht einfach von einem euphorischen Tunen oder Liefern.

00:11:14: Eine Politik des Deliver mag in Zeiten von Pizzalieferdiensten schick sein, doch wer zahlt hier die Zeche?

00:11:22: Macht setzt geistige Formbildung voraus.

00:11:25: Ohne Deutung dessen was notwendig vernünftig und gerecht ist bleibt Macht orientierungslos!

00:11:32: In Abwandlung einer bekannten Formel Immanuel Kanz ließe sich daher sagen Aufgaben ohne Geist sind leer Machtansprüche ohne Aufgaben bleiben blind.

00:11:45: Macht ohne Geist verkommt zur bloßen Verwaltung.

00:11:49: Darin liegt auch der tiefere Grund dafür, dass politische Macht niemals ausschließlich technisch verstanden werden kann.

00:11:56: Wo Politik nur noch Verwaltung, Steuerung oder Verfahrenssicherung sein will, verliert sie jene Dimension aus der sie ihre Legitimität und ihre orientierende Kraft bezieht.

00:12:08: Politik erschöpft nicht einfach in der geschmeidigen Organisation von Interessen.

00:12:13: Damit hat sie auch zu tun ohne Zweifel, sie lebt aber ebenso davon gemeinsame Aufgaben sichtbar zu machen und sich ihnen zu stellen.

00:12:22: Anders ließe sich auch keine Idee von Gerechtigkeit fassen.

00:12:26: Gerade deshalb gehören Macht-und Geist zusammen!

00:12:30: Macht ohne Geist verkommt zur bloßen Verwaltung von Zwängen.

00:12:34: Geist ohne Macht bleibt folgenlose Selbstgenüksamkeit.

00:12:40: Von hier aus lässt sich schließlich auch die immer wiederkehrende Frage nach dem Verhältnis von Macht und Gewalt neu bestimmen.

00:12:47: Nicht selten werden beide Begriffe bedenkenlos gleichgesetzt, als sei Macht lediglich organisierte Gewalt.

00:12:54: Doch ein solcher Zugriff bleibt oberflächlich!

00:12:57: Gewalt entsteht gerade dort wo Macht zerfällt – denn Macht beruht nicht ursprünglich auf Zwang sondern auf Formgebung, Vermittlung und der Fähigkeit gemeinsames Handeln zu organisieren….

00:13:09: Wo keine gemeinsame Aufgabe mehr Orientierung gibt, wo Institutionen keine Verbindlichkeit mehr erzeugen und das Leben nicht mehr geführt sondern nur noch behauptet wird, schlägt Macht in Gewalt um.

00:13:23: Gerade deshalb wirkt Gewalt stets unmittelbarer hektischer und sichtbarer als Macht.

00:13:29: Macht strukturiert Handlungsmöglichkeiten – Gewalt zerstört sie!

00:13:35: Gewalt erscheint daher nicht als Steigerung der Macht, sondern als Symptom ihres Zusammenbruchs.

00:13:42: Wo Macht nicht mehr in der Lage ist, gemeinsame Horizonte zu eröffnen, Sinn zu stiften und Aufgaben sichtbar zu machen, bleibt nur noch die nackte Durchsetzung.

00:13:51: Politik verliert ihren geistigen Charakter – und verwandelt sich in die Verwaltung von Effekten, Ängsten und Feindbildern.

00:13:59: Gerade darin könnte eine der entscheidenden Krisen moderner Demokratien liegen!

00:14:04: Nicht in einem zu viel an Machtanmaßung, sondern in einem Zu wenig an Machtvertrauen.

00:14:12: Über den Autor Christian Bermes geboren, und leitet das Instituts für Philosophie Rheinland-Pfälzische Technische Universität RPTU Landau.

00:14:27: Gelesen von Sören Hahn Die politische Meinung Neutral geht gar nicht.

00:14:38: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.