Nicht per se böse

Shownotes

Carsten Dutt argumentiert, dass Macht nicht per se böse ist, sondern durch Institutionen und persönliche Tugenden kontrolliert werden muss.

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00:00:00: Nicht per se Böse.

00:00:02: Zur äußeren und inneren Begrenzung von Macht.

00:00:06: Von Carsten Dutt Im Umgang mit dem heiklen Thema Macht sind normative Perspektiven unverzichtbar.

00:00:13: Konkrete Machtverhältnisse in Staat- und Gesellschaft, so oder so entstandene und beschaffene Strukturen, Positionen, Mechanismen und Prozesse wollen nicht nur beschrieben, analysiert, macht theoretisch eingeordnet und auf diese oder jene Weise erklärt sein.

00:00:30: Sie werfen vielmehr auch die Frage nach ihrer Legitimität auf, nach rechtfertigen Gründen, die gesucht gefunden und argumentativ entwickelt oder aber vermisst als nicht tragfähig befunden und mit Gegengründen bestritten werden.

00:00:45: Mehr noch – Auch das Phänomen der Macht als solches kann zum Gegenstand normativer Reflexion und Bewertung werden.

00:00:53: Hohe Allgemeinheitsansprüche begünstigen dabei Urteile deren Prägnanz mit dem Preis eklatanter Einsichtigkeit erkauft wird.

00:01:01: Jakob Burkhardt's unzählige Male zitiert das Wort, dem zufolge Macht an sich böse sei Gleich viel wer sie ausübe zählt zu ihn.

00:01:13: Wörtlich genommen ist das Diktum unhaltbar Projektion einer düsteren Essenz die es nicht gibt.

00:01:20: Denn macht is kein Subjekt Kein Kontext invariant verwerfliches Agens sondern eine vielgestaltige soziale Relation über die machthabende Subjekte, Individuen oder Kollektive, Personen- oder Institutionen unter bestimmten Bedingungen in bestimmtem Umfang auf bestimmte Weise und in bestimmter Absicht gegenüber anderen Subjekten den Macht unterworfenen bei denen es sich wiederum um Individuinen oder Kollektywe, Personen oder Instituationen handeln kann einseitig verfügen.

00:01:52: gute Absichten, legitime Mittel und moralisch zustimmungsfähige Resultate der Machtausübung sind dabei keineswegs ausgeschlossen.

00:02:01: Wäre es anders und hätte Burkhard recht, so müsste uns die Rede von guten Mächten wie sie auch nicht Christen durch Dietrich Bonnhöfer's gleichnamiges Gedicht aus der Gestapohaft vertraut sein dürfte als Contradictio in Addizetto

00:02:15: erscheinen.".

00:02:17: Aber das tut sie nicht!

00:02:18: und gewiss verorten wir gute Mächte nicht nur im christlichen Himmel, sondern auch auf Erden.

00:02:24: Ohne gute Mächte ohne zum guten genutzte Macht gäbe es weder rechtsstaatliche Ordnungen noch sozial wirksame Emanzipationsbewegungen noch irgendein wert erhaltenes oder weltverbesserendes Tun das sich gegen Widerstände zur Geltung zu bringen vermag und eben darin Macht einsetzt oder allererst entfaltet.

00:02:49: In Max Weber's Begriffsbestimmung der Macht, auf die ich soeben angespielt habe und die im weiten Feld einschlägiger Definitionsofferten –die theoretisch durchdachteste und analytisch griffigste bleibt– ist die unerschöpfliche Vielfalt der Mittel, Zwecke-und Willenstellungen festgehalten unter denen sich macht als potenziell oder aktuell verhaltenswirksame Asymmetrie sozialer Beziehungen auskastalisiert.

00:03:16: Hier zum Guten und Richtigen dort zum Falschen und Bösen, auf das Ganze gesehen also ambivalent.

00:03:23: Macht bedeutet jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen – gleich viel worauf diese Chance beruht!

00:03:34: Die erdrückende wirtschaftliche oder militärische Überlegenheit eines großen Landes über kleinere Nachbarstaaten instantiiert entsprechende Machtchancen Aber selbstverständlich ist das Spektrum der auf diese oder jene Weise erschlossenen und so genutzten Machtquellen viel breiter.

00:03:53: Soziologisch amorph, wie Weber sagt!

00:03:56: Man denke dafür etwa an Amtsbefugnisse- und Hierarchiestufen, an innerbetriebliche oder auch innerfamiliäre Belohnungs- und Saktionssysteme, ein persönliches Charisma oder systemrelevanten Wissensbesitz – ja selbst an die Glücksressource Sex deren streikförmige Verweigerung durch Lestrater und ihre Mitstreiterinnen bei Aristophanes zum Segensreichen, weil friedensstiftenden Machtmittel – und der Gestalt zur Puente einer anhaltenden lehrreichen Polizertiere wird.

00:04:30: Das Jacob Buchholz pessimistisch generalisierte Kritik der Macht in der Tat nicht deren Wesen enthüllt sondern eine Entartungsform der politischen Macht habe beklagt ist im Kontext seines Basler Vorlesungszyklus über das Studium der Geschichte, und EOY unerfüllbar.

00:05:12: Daher in sich unglücklich, und muss andere unglücklich

00:05:15: machen.".

00:05:16: Was so charakterisiert – und im weiteren Kontext durch sumarische Verweiser auf Louis XIV, Napoleon-und die revolutionären Volksregierungen derzeit nach Seventeenhundertneunundachtzig veranschaulicht wird ist ersichtlich nicht machtschlecht hin sondern ihrer Entstellung durch den schwerwiegenden Gerechtigkeitsdefekt der Pleonexy.

00:05:39: Das lasterhaft eigennützige Mehrhaben wollen, dessen moralphilosophischer Analyse in Blartons Dialogen und systematischer In Aristoteles nikomarchischer Ethik auch im XXI Jahrhundert lesenswert bleibt.

00:05:55: Der begrifflich abwegigen Gleichsetzung von Macht- und pleonektisch missbrauchter Macht wohnt gleichwohl ein nicht vorschnell zu relativierender Erfahrungsgehalt inne Die Einsicht, dass bestimmte gerade an politischer Machtfülle nicht nur durch Pläonexy verderblich werden können sondern ihrerseits entsprechende Dispositionen vorausgesetzt – PläONEXC oder wie Burkhardt formuliert – Gier die Gier nach mehr und immer mehr Macht hervorzurufen vermögen.

00:06:23: In der Tat ist die Geschichte politischer Ordnungen überreich' an Beispielen dafür das Machtkonzentration unter institutionell und charakterlich ungünstigen Bedingungen in Exzesse des Machtmessbrauchs umschlägt oder allmählich in einen entsprechenden Status korruptionis abgleitet.

00:06:45: Macht kontrolliert Macht.

00:06:48: Die pleonektische Verfallstendenz politischer Macht zwingt seit jeher zur Frage nach ihrer heilsamen Begrenzung.

00:06:56: Traditionell lassen sich dabei zwei Ebenen- oder Dimensionen unterscheiden Die äußere und die innere Begrenzung von Macht.

00:07:04: Auf der äußeren Ebene stehen eingehende Institutionen, Verfahren und Gegenmächte.

00:07:09: Vollends seit Montesquise de l'Esprit de Loire, siebzehnhundertundvierzig gilt die Gewaltenteilung als paradigmatisches Instrument – Macht durch Macht zu kontrollieren.

00:07:20: Entsprechend gebaute Verfassungen staatlich garantierte Grundrechte, unabhängige Gerichte, die parlamentarische Kontrolle der Exekutive freie Medien und eine vitale Zivilgesellschaft bilden, idealiter ein Geflecht von Checks & Balances das Machtstreuung gewährleistet und den Ausbruch von Willkür Eignutz- und Korruption in hohen Positionen erschwert.

00:07:43: Die besagten Arrangements sind denn auch keine bloßen Funktionalitäten rationaler Machtökonomie – sie sind der kulturell kostbare Ausdruck eines geschichtlichen Lernprozesses, ungebändigter Macht in die Weisheit institutioneller und prozeduraler Vorkehrungen übersetzt hat.

00:08:05: Delegitimierung altbewerter Verfahren Die frappante Aggressivität, der seit Januar-Zw.A.

00:08:13: auf der Großleinwand der US-amerikanischen Politik orchestrierten Vorstöße zur autokratischen Repersonalisierung präsentieller Macht demonstriert allerdings wie gegenwärtig nicht sonst die Fragilität solcher Vorkehrung.

00:08:27: Destroy it all!

00:08:29: Wie man jetzt im unmittelbaren Vorfeld der Zweihundertfünfzig-Jahrfeier der Gründung der USA mit gesteigertem Erschrecken sieht, lassen sich machtbegrenzende Institutionen sehr wohl auf legale oder halbligale Weise aushöhnen.

00:08:43: Altbewährte Verfahrensordnungen lassen sich aushebeln oder vorläufig umgehen.

00:08:48: Verfassungsmäßig verankerte Kontrollinstanzen lassen sich zur Selbstabdankung nicht überreden dann nötigen und alle mal diffamatorisch delegitimieren.

00:08:59: Der Informations-, Desinformations- und Hysterieumsatz digitaler Öffentlichkeiten tut dabei ein übriges, ebenso quereinschießender oder absichtsvoll erzeugte Krisen geopolitischen Formats die den operativ anfallenden Entscheidungsdruck erhöhen und ihrerseits Exekutivdominanz begünstigen.

00:09:20: In solchen Konstellationen zeigt sich, dass die äußere – die institutionelle und verfahrensförmige Einhegung politischer Macht allein nicht ausreicht.

00:09:30: Effektive Einhegerung setzt viel mehr Akteure voraus, die aus Einsicht in den guten Sinn von Einhegelungen handeln.

00:09:38: Hier tritt die innere Begrenzung von Macht ins Spiel.

00:09:41: Sie betrifft die Selbstbindung der Machthabenden an Prinzipien und Tugenden.

00:09:47: In der politologischen und sociologischen Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften bleibt diese Dimension oft unterbelichtet, weil sie vergleichsweise schwer – nämlich nur über den langwierigen Prozess moralischer Erziehungen und Selbsterziehungen institutionalisierbar und nicht etwa durch Unterschriften- und Amtsantritte von Person zu Person übertragbar ist.

00:10:10: Gleichwohl ist sie unverzichtbar!

00:10:12: Ernstgenommene Eide, gelebte Amtsethiken, verinnerlichte Normen politischer Kultur und persönliche Integrität bilden ein Reservoir an Selbstverpflichtungen ohne das Verfahren und formale Regeln wirkungslos oder wirkungsschwach bleiben.

00:10:28: Die philosophische Tugend-Ethik von Aristoteles bis Philippa Futh hat dieses Erfordernis in gewiss unterschiedlichen Theorievorschlägen aber eindrucksvoll konstanter Begrifflichkeit formuliert.

00:10:42: Mäßigung, Gerechtigkeit, Glugheit, Beharrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein sind demnach nicht private Zierten sondern öffentliche Notwendigkeiten im erstpersönlichen Umgang mit Macht.

00:10:56: Die Aktualität dieser Perspektive zeigt sich nicht zuletzt in Bereich der politischen Kommunikation wo Diskurs- und Gesprächsformen vorkommen, wo sie durch monologische Willensbekundungen und stoßweise Effektentladungen ersetzt werden verliert Macht eine ihrer wichtigsten inneren Begrenzungen, die Bereitschaft sich im Medium argumentativer Rede zu artikulieren, zurechtfertigen und erforderlichen Fals auch korrigieren zu lassen.

00:11:24: Wo diese elementare Wille zum Dialog und die ihn tragenden Fähigkeiten verschwinden muss Macht habe innerlich und als dann auch äußerlich entgleisen.

00:11:35: Selbstkontrolle der Mächtigen Die Unterscheidung von äußerer und innerer Begrenzung darf freilich nicht als alternative missverstanden werden, beide Ebenen sind und bleiben interdependent.

00:11:48: Institutionen – wir sehen es mit eigenen Augen – erodieren ohne die ethischen und dianoethischen Tugenden derer, die in ihnen agieren und interagieren.

00:11:59: Tugendern wiederum bleiben ohne institutionelle Bewährung- und Auswirkungen sterile.

00:12:04: Erst durch ihr Zusammenspiel wird Macht beherrschbar und als kontrollierte Herrschaft menschenmöglich gut.

00:12:12: Wichtig bleibt bei all dem begriffliche Klarheit, wer destruktive Entgrenzungen von Macht verhindern will muss Macht zunächst als das erkennen und anerkennen was sie ist eine unvermeidliche allemal ambivalente und dauerhaft riskante Dimension sozialer und politischer Asymetrie.

00:12:31: so verstanden erweist sich der Begriff der Macht selbst als ein kognitives Instrument zur Begrenzung der von ihm bezeichneten Sache.

00:12:39: Er erlaubt uns zu sehen, wo Asymmetrien bestehen, wo Entscheidungen unilateral durchgesetzt werden und wo Alternativen fehlen.

00:12:47: In einer Zeit in der politische und soziale Prozesse zunehmend komplex – bisweilen kaum mehr durch Schaube erscheinen – ist diese Sichtbarkeit von besonderer Bedeutung.

00:12:58: Die eigentliche Herausforderung besteht allerdings darin, Macht weder zu demonisieren noch zu

00:13:03: verharmlosen.".

00:13:05: Wer sie demonisiert, verkennt ihre konstitutive Rolle für Ordnung Recht und Freiheit.

00:13:11: Wer sie verharmlost verschleiert ihre perniziösen Potenziale.

00:13:16: Zwischen diesen Extrem gilt es eine Haltung zu kultivieren die man als aufgeklärte Nüchternheit bezeichnen und als den fortgesetzten Versuch empfehlen darf Macht theoretisch zu verstehen Empirisch zu lokalisieren Normativ zu beurteilen Und praktisch sinnvoll zu begrenzen.

00:14:02: Die politische Meinung.

00:14:03: Neutral?

00:14:05: geht gar nicht.

00:14:09: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.