Auf der Schulbank der Machtpolitik

Shownotes

Andreas Jacobs erläutert den politischen Realismus und zeigt, dass Machtpolitik Maß, Moral und strategische Balance braucht – besonders in der multipolaren Welt.

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00:00:00: Auf der Schulbank der Machtpolitik.

00:00:03: Was die Vordenker des Realismus zur neuen Weltlage sagen würden, von Andreas Jakobs.

00:00:10: In seiner Rede auf der Zweiundsechzigsten Münchener Sicherheitskonferenz beschrieb Bundeskanzler Friedrich Merz am dreizehnten Februar zwei-tausend sechsundzwanzig nichts weniger als eine neue Weltlage, die von Macht und Großmachtpolitik geprägt sei.

00:00:25: Macht verdränge das Recht als zentrales Ordnungsprinzip des internationalen Systems.

00:00:30: Deutschland, so der Bundeskanzler an anderer Stelle, müsse die Sprache der Machtpolitik lernen.

00:00:36: Lernen wir also am besten bei denen, die diese Sprache entwickelt und geprägt haben – bei den politischen Realisten!

00:00:44: In den Jahren vor- und nach dem Zweiten Weltkrieg hat eine Gruppe von oft deutschstämmigen Wissenschaftlern in den USA internationale Politik v.a.

00:00:53: in den Kategorien von Macht und Interessen beschrieben.

00:00:57: die sich damals als politischer Realismus konstituierende Denktradition in der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen war neu und revolutionär, blickte in ihren Grundannahmen jedoch auf eine lange Ahnenreihe zurück zu der unter anderem Formus Hobbes und Niccolò Machiavelli vor allem aber Tuchidis einer der bedeutendsten Historiker der griechischen Antike zählen.

00:01:21: Was also hätten Tuchides und die Zentralen Vertreter des politischen Realismus zur heutigen Weltlage zu sagen.

00:01:30: Thucydides und die Macht der Stärkeren.

00:01:33: Der Athena-Geschichtsschreiber hat gegen Ende des fünften vorgristlichen Jahrhunderts, Die Verhandlungen zwischen der Athenischen Großmacht Und den Bewohnern der Kykladen Insel Milos in seinem Melierdialog festgehalten.

00:01:46: Das zentrale Zitat dieses bis heute diskutierten Textes aus dem Werk.

00:01:50: der Peloponnesische Krieg Indem es um das grundlegende Verhältnis von Recht und Macht geht wird wie kein zweites zur Veranschaulichung der gegenwärtigen geopolitischen Lage bemüht.

00:02:03: Die starken tun, was sie können und die Schwachen erleiden, was Sie müssen.

00:02:07: Neutralität und Verträge zählen nicht mehr – Nichtprinzipien und Recht entscheiden über Wohl-und Wehe von Völkern, sondern allein die Macht des Stärkeren.

00:02:16: Das ist oft Bemühte und nacherzählte Geschichte Aber es ist nicht die ganze Geschichte.

00:02:23: Tucadides skizziert nicht nur die Funktionsweise von Machtpolitik sondern deutet zugleich deren Gefahren und Grenzen an.

00:02:30: Ihn interessieren vor allem die menschliche Natur, und die Ursachen von Krieg und Konflikt.

00:02:35: Sein moralisches und analytisches Urteil bleibt dennoch erkennbar – v.a.

00:02:39: in den ausführlich geschilderten Argumenten der Milie.

00:02:43: Diese halten den Antenern Völkerrecht gegenseitig Nutzen-und Moral entgegen.

00:02:49: Die Machtideologie Athens erscheint damit letztlich als Hybris und

00:02:53: Selbstüberschätzung.".

00:02:55: Wer Tykudidis als reinen Apologeten der Machtpolitik liest, verwechselt deshalb Beobachtung und Bewertung.

00:03:02: Seine Bewertungen fällt tatsächlich eindeutig aus.

00:03:06: Das rücksichtslose Streben nach Herrschaft provoziert den eigenen Untergang.

00:03:10: Macht benötigt Maas.

00:03:13: Reinhold Niebuhr und America First.

00:03:17: Der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuher, ist weit weniger bekannte als der antike Geschichtsschreiber.

00:03:26: Zu Unrecht, denn viele politische Persönlichkeiten von Martin Luther King über Samuel Huntington bis Barack Obama nennen den deutschstämmigen Protestanten als wichtige Referenz.

00:03:37: Niebuhr hat in seinem neunzehnhundertzweiunddreißig erschienenen Klassiker Moral Man and Immoral Society den bemerkenswerten Zusammenhang zwischen individueller Ethik und politischem Handeln herausgearbeitet.

00:03:50: mit Tüke Didis teilt er ein realistisches Menschenbild, das er allerdings aus dem philosophischen Dualismus des Augustinus und aus der protestantischen Ethik herleitet.

00:04:01: Gut-und Böse, Altheroismus und Aggression liegen hier nahe beieinander.

00:04:07: Niburzzentrale befunden lautet, dass moralische Sandeln innerhalb der eigenen Gruppe zu unmoralischen Konsequenzen gegenüber anderen führen kann.

00:04:18: Wer die Interessen der eigenen Group überhöhte und über alles andere stellt handelt daher nicht nur ungristlich, sondern fördert auch Krieg und Gewalt.

00:04:26: Die Aktualität dieser Überlegung liegt auf der Hand.

00:04:30: America First heißt eben, dass alle anderen Seconds sind oder gar nicht erst vorkommen.

00:04:36: Niburs Blick auf die mit gristlichen Etiketten imprägnierte Magerbewegungen wäre vermutlich mehr als ablehnend.

00:04:43: Der Blick in sein fast hundert Jahre altes Werk schärft also heute noch das Verständnis für die Grenzen staatlicher Macht-und Interessenpolitik sowie für die Relevanz des christlichen Menschenbildes.

00:04:56: Hans J. Morgentau und dem Moral des Realismus.

00:05:01: Zu den Rezipienten Niburs gehört auch der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler und Jurist, Hans J Morgentao, von viel bis in den letzten Jahren.

00:05:10: Der eigentliche Begründer der realistischen Schule der internationalen Beziehungen.

00:05:15: In seinem bis heute grundlegenden Buch Politics Among Nations aus dem Jahr entwirft er eine umfassende Interpretation von Außenpolitik und zwischenstaatlichen Beziehungen auf der Grundlage von Macht-und Interessen.

00:05:30: Internationale Politik ist nach Morgentau wie jedwede Politik ein Kampf um die Macht.

00:05:36: Staatliches Handeln zielt primär darauf, Macht zu erhalten – zu vermehren und zu demonstrieren.

00:05:42: Ideologien, Institutionen und das Völkerrecht spielen in der Beschreibung Morgentaus eine nachgeordnete

00:05:49: Rolle.".

00:05:51: Dennoch liefert er alles andere als eine theoretische Apologie moralfreier Machtethik.

00:05:57: Als deutscher Jude, der in die USA emigrierte, war Morgentau mit einem politischen Milieu vertraut das in Kategorien von Macht und Interessen dachte – und er war sich der Exzesse und Destruktivität dieses Milieus sehr bewusst!

00:06:13: Für Morgentao ist die Einsicht in die wirklichen, also machtpolitischen Funktionsgesetze der Politik die wichtigste Voraussetzung zur Erhaltung von Frieden und Stabilität.

00:06:23: Einer idealistischen Gesinnungsethik setzt er das Konzept Statesmanship, übersetzt als kluge- und verantwortungsbewusste Diplomatie entgegen.

00:06:34: Frieden zwischen den Staaten ist aus dieser Perspektive das Resultat von Macht und Moral gleichermaßen.

00:06:41: Gewährleistet und gesichert wird an solcher Frieden.

00:06:47: Was könnte angesichts der heutigen globalen Konflikte aktueller sein?

00:06:52: Die Neorealisten und die Pole der Macht.

00:06:56: Morgentau hatte sich bereits während seines Studiums in Deutschland mit Gegenmachtbildungen, und Machtgleichgewichten beschäftigt.

00:07:04: Die Frage nach der Polarität beziehungsweise nach der Machtverteilung im internationalen System sowie deren jeweiliger Auswirkung auf die Stabilität desselben rückten später die sogenannten ins Zentrum ihres Denkens.

00:07:20: Vor allem der US-amerikanische Politikwissenschaftler Kenneth Walls, Diese Machtrelationen prägen die spezifische Struktur des internationalen Systems.

00:07:48: Uni oder bipolare Strukturen sind danach stabiler als multipolare.

00:07:54: Im Ersteren sorgt ein Hegemon für Stabilität, wenn die von ihm ausgeübte Führung auf Akzeptanz der geführten und auf gegenseitigem Nutzen beruhen.

00:08:04: Hegemonie erleichtert also Kooperation und stabilisiert Beziehungen.

00:08:10: Für Neorealisten stellt sich die aktuelle Weltlage so dar!

00:08:13: Im transatlantischen Verhältnis fordern die USA zwar weiterhin Gefolgschaft, verringern aber gleichzeitig die sicherheitspolitische Gegenleistung.

00:08:22: Die Hegemonie der USA gegenüber Europa schwindet also und damit die europäischer Akzeptanz amerikanischer Führung – und hiermit verschwinden wiederum die Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

00:08:33: Die Struktur des internationalen Systems wird durch das Erstarken und Agieren von China, Russland und anderen Mächten multipolarer.

00:08:42: Europa ist zum machtpolitischen Nachsitzen gezwungen und muss sicherheitspolitisch souveräner werden.

00:08:49: Der kanadische Premierminister Mark Carney hat dies in seiner bemerkenswerten Rede im Januar, in Davos prägnant formuliert.

00:08:58: In einer Weltschwinden der US-Sygomonie zunehmender Multipolarität und erodierender Regeln und Werte müssen sich die demokratischen Mittelmächte zusammentun – so würden es die Neorealisten formulieren gegen Macht, gegen unberechenbare Großmächte bilden.

00:09:14: Was können Deutschland und Europa also von den Klassikern des machtpolitischen Denkens lernen?

00:09:20: Vielleicht folgen das!

00:09:21: Das Beschreiben-und Verstehen politischer Realitäten darf nicht mit ihrer ethischen Begründung verwechselt werden – wer den gegenwärtigen Aufschwung von Autokraten als einen Siegeszug des politischen Realismus erachtet hat diese Denkschule nicht verstanden.

00:09:38: Die Vordenker der Machtpolitik wollen autokratisches und imperiales Handel nicht rechtfertigen, sondern es verstehen und erklären.

00:09:46: Für sie braucht Macht immer moral und maß.

00:09:49: Nationaler Egoismus ist aus realistischer Sicht ebenso schädlich wie naiver Altruismus.

00:09:55: Der kluge Politiker ist weder machtbesessen noch machtvergessen – er isst vielmehr machtbewusst!

00:10:03: Aus einer solchen machtbewussten Perspektive ist offensichtlich dass sich Beziehungen zwischen Staaten immer ändern, sobald sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen verschieben.

00:10:12: Wenn im Staaten Verhältnis Führung schwindet und Dominanz hervortritt ist Gegenmacht Bildung die Folge.

00:10:19: Europa ist gezwungen militärisch eigenständiger zu werden und wird dadurch weniger auf Kooperation mit den USA angewiesen sein.

00:10:28: Transatlantiker mögen dies bedauern – Realisten stellen sich darauf ein!

00:10:32: Nicht das Klagen über den Verlust transatlantischer Gewissheiten oder über das Schwinden der regelbasierten Ordnung ist also die Lehre eines zwerde-basierten Realismus, Alexander Stubb.

00:10:44: Sondern die Arbeit an einem eigenständigen Machtzentrum der europäischen Demokratien in einer multipolaren Welt.

00:10:51: Über den Autor Andreas Jakobs, geboren in Kleve, stelfertretender Leiter der Hauptabteilung einer Lüse und Beratung Konrad Adenauer Stiftung gelesen von Philipp Aller Die politische Meinung, neutral geht gar nicht.

00:11:13: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.