Kein sanfter Demokrat

Shownotes

Dominik Geppert bewertet Adenauer als machtbewussten Architekten der
Bundesrepublik, dessen strategische Politik Stabilität und demokratische Ordnung prägte.

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00:00:00: Kein sanfter Demokrat, eine Zwischenbilanz.

00:00:03: Hundertfünfzig Jahre Konrad Adenauer von Dominik Geppert.

00:00:09: Konrad Adenauer ist in diesen Monaten wieder erstaunlich präsent.

00:00:13: Anlässlich seines hundfünftigsten Geburtstages wird er aller Orten als Gründungskanzler der Bundesrepublik gewürdigt Nicht nur bei den großen Festakten im Rheinland sondern bundesweit in zahlreichen Vorträgen Ausstellungen und Zeitungsartikeln sogar in Konzerten, Fernsehfilmen und Theaterstücken.

00:00:32: Drei neue Biografien von Friedrich Kiesling, Holger Lötl und Norbert Frey beleuchten bekannte und bisher unbekannte Seiten seines langen Lebens das sich über fast hundert Jahre vom Kaiserreich bis zum Ende der neunzehnhundertsächsiger Jahre erstreckte.

00:00:47: Dabei werden Schattenseiten nicht verschwiegen – insgesamt fällt das Urteil zur Halbzeit des Jubiläumsjahres jedoch positiv aus!

00:00:55: Das war nicht immer so... Adenauers Ansehen in der Öffentlichkeit unterlag erheblichen Schwankungen.

00:01:01: Bei seinem Rücktritt, war es am autoritären Regierungsstil des ersten Bundeskanzlers.

00:01:09: Seine Wiedervereinigungspolitik galt als gescheitert.

00:01:12: Gustav Heinemann zunächst Innenminister unter Adenauer später Sozialdemokratischer Justizminister und dann Bundespräsident sprach von einer Politik der eingebildeten Stärke.

00:01:24: Der Publizist Sebastian Haftner behauptete damals, Adenauers Politik könne man nur erfolgreich nennen wenn man ihm den Vorsatz unterstelle Deutschlands Einheit zu zerstören.

00:01:34: Zitat Sonst war sie der Inbegriff des Misserfolgs denn niemals in tausend Jahren war Deutschland so tief und heillos gespalten wie jetzt.

00:01:43: Zitat Ende.

00:01:45: Dreizehn Jahre später anlässlich von Adenauer's einhundertstem Geburtstag sah Haftler die Sache anders.

00:01:51: Nun bescheinigte er Adenauspolitik Innerologik und Schlüssigkeit – und fügte hinzu, sie habe die geschichtliche Erfahrung der letzten hundert Jahre auf ihrer Seite.

00:02:02: Auch ein Teil der politischen Linken machte seinen Frieden mit dem Rheinländer.

00:02:06: Nach dem Umbruch der Jahre Nineteinundachtzig-Nineteinhundertneunzig wollten Kritiker der Wiedervereinigung in ihm den Verfechter einer dezidiert anti-nationalen Politik erblicken, die der Westbindung und der europäischen Integration Vorrang vor der deutschen Einheit eingeräumt haben.

00:02:24: Andere waren hingegen der Meinung, dass der Zusammenbruch des Ostblocks und die bedingungslose Angliederung der DDR an die Bundesrepublik habe genau jener Politik der Stärke entsprochen auf die Adnauers-Deutschland-Politik vertraut hatte.

00:02:38: Zugleich konnte es nach dem Ende des SED-Regimes eine Zeit lang so scheinen als relativiere sich die Bedeutung des ersten Bundeskanzlers weil die bipolarer Welt und das geteilte Deutschland in immer weiterer Ferne rückten weil die Bundesrepublik nun auch im Osten westliche Nachbarn hatte.

00:02:56: Weil die Europäische Union nicht mehr viel mit dem karolingischen Westeuropa zu tun hatte, das Artenauer vorschwiebte und auch deshalb – weil der harte Antikommunismus des alten von Röndorf nicht mehr in eine Gesellschaft zu passen schien, die sich nach dem Ende des kalten Krieges mehr und mehr als postideologisch begriff.

00:03:16: Architekt einer gelungenen Institutionenordnung.

00:03:20: Wenn es im Jubiläumsjahr twenty-sixundzwanzig eine neue Facette im Adenauer Bild gibt, dann ist es die geschärfte Sensibilität für die Fragilität von Demokratie.

00:03:30: Damals wie heute!

00:03:31: Der erste Bundeskanzler erscheint als Architekt einer gelungenen Institution in Ordnung und als strategisch denkender Regierungschef der die zweite deutsche Republik im Inneren und nach Außen stabilisiert hat.

00:03:44: Das Bedürfnis nach historischer Selbstvergewisserung In einer unsicher gewordenen Gegenwart schwingt mit, wenn Holger Löttl Adenauers Anteil an der geglückten Konsolidierung der Bundesrepublik betont.

00:03:57: Wenn Friedrich Kiesling den Beitrag der Adenauerjahre zur Demokratisierung Deutschlands lobt und wenn Norbert Frey bei heutigen Politikern die Führungsstärke vermisst, die Adenaurer an den Tag gelegt habe.

00:04:11: Dabei war Adenauer alles andere als ein sanfter Democrat – er war ein machtbewusster Praktiker der Exekutive geprägt von der Kommunalpolitik im Kaiserreich und der Weimacher Republik, der aus seinen Erfahrungen ein robustes Verständnis von Ordnung, Gemeinwohl und politischer Führung destillierte.

00:04:29: Der Nationalsozialismus hatte sein Vertrauen in politische Kontinuität zerstört und sein skeptisches Menschenbild geprägte.

00:04:37: Seine Landsleute hielt er seither für emotional labihl- und politisch

00:04:41: verfügbar.".

00:04:42: Die Erfahrung von Verfolgung, Haft und die moralischen Kollaps großer Teile der deutschen Gesellschaft ließ ihn das Böse durchaus in religiösen Kategorien als reale Macht begreifen.

00:04:54: Nach den Erfahrungen des Dritten Reiches misstraute Artenauer revolutionären oder plebbes-zitären Lösungen.

00:05:01: Er präferierte schrittweise Reformen stabile Institutionen und einen von erfahrenen Funktionseliten getragenen Staat.

00:05:09: Was für ihn beim personellen Neuaufbau zählte waren die Herkunft aus dem katholischen Milieu eine konservative Gesinnung, bürgerliche Sozialisation, eine solide juristische Ausbildung und Erfahrungen im Verwaltungsdienst.

00:05:23: Ob jemand NSDAP-Mitglied gewesen war erschien demgegenüber nachrangig.

00:05:28: Adenauer blieb ein Mann der Exekutive aber er wusste dass zur Demokratie auch die Meinungsbildung im Parlament und einer unabhängige Justiz gehören.

00:05:37: was der Bundestag beschloss und wie das Bundesverfassungsgericht entschied war nicht immer in seinem Sinne.

00:05:43: Oft versuchte er, es nach Kräften zu hintertreiben.

00:05:47: Dennoch akzeptierte der Kanzler die Sphären und Kompetenzen der Legislative und Juristiktion.

00:05:53: Er hatte erlebt wie rasch eine Rechtsordnung in ein Instrument des Terrors umschlagen konnte und wie begrenzt die Schutzfunktion von Justiz- und Verwaltung in einer Diktatur war.

00:06:04: Nach nineteenhundertfünfundvierzig zählten die Wiedererrichtung eines starken Rechtsstaats und die Durchsetzung einer parlamentarischen Regierungsweise zu seinen Zentralen anliegen.

00:06:16: Konflikt als demokratische Normalform!

00:06:19: Der erste Bundeskanzler scheute sich nicht, die SPD mit äußerster Schärfe zu bekämpfen in Wahlkämpfen zu polarisieren – den politischen Gegner ebenso den Koalitionspartner geheimdienstlich ausspähen zu lassen und das Kanzleramt zu einer wirksamen Schaltszentrale der Macht auszubauen.

00:06:37: Er formte die junge Republik mit einem Machtwillen der manchmal an Zynismus grenzte.

00:06:43: In seinem Verständnis von Demokratie waren harte Gegensätze ausdrücklich vorgesehen, solange sie innerhalb eines gemeinsamen, anerkannten institutionellen Rahmens ausgetragen wurden.

00:06:54: Gegen innerparteiliche Strömungen die im Anschluss am Weimar-Ninzehnhundertneunundvierzig für eine große Koalition mit der SPD plädiert hätten setzte Adenauer eine kleine bürgerliche Koalition Mit der FDP und der konservativen deutschen Partei – DP durch Mit der Sozialdemokratie als scharf bekämpfter Opposition, die in zentralen Wirtschafts- und außenpolitischen Fragen fundamentale Kritik übte ohne den verfassungsmäßigen Rahmen infrage zu stellen.

00:07:23: Den Konflikt mit der SPD führte Ardenauer Skrupell los.

00:07:26: Er trug auf diese Weise dazu bei dass sich in der frühen Bundesrepublik zwei politische Lager etablierten sie sich zweihäftig befeteten allerdings beide Republik treu waren.

00:07:38: Dies war ein entscheidender Unterschied zur Weihmacher Republik, als möglichst breite Regierungskoalitionen gegen die Feinde der Republik gebildet wurden – eine Konstellation, die aktuell auf die politische Bühne zurückkehrt.

00:07:51: In der Außenpolitik setzte Adenauers Politik der Stärke darauf, dass die Sowjetunion auf lange Sicht einlenken würde, sei es durch ökonomische Krisen oder Erschöpfung im globalen Wettrüsten.

00:08:03: Adenauer Strategie zielte auf Einigkeit in Bündnis um potenziellen Aggressionen durch effektive Abschreckung zu begegnen.

00:08:11: Bei aller Entschlossenheit besaß sie zugleich eine hinreichende Elastizität, um auf künftige Entspannungstendenzen reagieren zu können.

00:08:19: Die wehrhafte Demokratie für die er sich stark machte richtete sich gegen militärische Bedrohungen von außen ebenso wie gegen die Gefährdung durch linke und rechte Extremisten im Inneren.

00:08:32: Ferner Spiegel der Gegenwart und Zukunft.

00:08:35: dass die Zwischenbilanz des Jubiläumsjahres vergleichsweise günstig ausfällt, hat weniger mit grundlegend neuen Erkenntnissen zu tun als mit einer veränderten Gegenwart.

00:08:45: Wenn sich heute Koalitionen nur noch mühsam zusammenfinden – die politische Mitte stimmen verliert und die Kräfte an den Rändern am Zulauf gewinnen wirken Adenauers lange Kanzlerschafts- und festgefügten Bündnisse auf denen sie beruhte als attraktive Kontrastfolie.

00:09:01: In der Außen- und Sicherheitspolitik liegen die Dinge umgekehrt.

00:09:06: Die Bedrohung aus dem Osten, die Frage nach der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitspolitik, die Diskussion über europäische Autonomie und atomare Bewaffnung – all das lässt die Politik der neunzehnhundertfünfziger Jahre nicht so sehr als versunkene Vergangenheit erscheinen sondern als fernen Spiegel in dem wir unsere Gegenwart und Zukunft zu erkennen glauben.

00:09:27: Adenauer Sorgen wirken nicht mehr wie unverständliche Obsessionen einer vergangenen Epoche sondern wie ein Repertoire von Antworten auf Probleme, die in veränderter Form wiederkehren.

00:09:39: Eine Puente der Würdigungen zum einhundertfünfzigsten Geburtstag liegt darin – das Adenauer heute nicht so sehr trotz, sondern eher wegen seiner machtbewussten zielgerechteten Politik positiv bewertet wird.

00:09:52: Die Skrupellosigkeit im Umgang mit der SPD, das kalkulierte Schweigen zur NS-Vergangenheit und die Integration belasteter Eliten werden in den neuen Darstellungen nicht beschönigt, sondern als Preis benannt, den Adenauer zu zahlen bereit war.

00:10:07: Zugleich kann man sich des Eindrucks kaum erwähren, dass dieser Preis nicht nur auf der Soll- sondern auch auf der Habenseite der Geschichte zu verbuchen ist – also Bedingung dafür, dass die Bundesrepublik zu einem stabilen im Westen verankerten Gemeinwesen wurde.

00:10:24: Adenauer hatte seine Landsleute mit der Vorstellung versöhnt, das Demokratie und politische Führung keine Gegensätze sein müssen.

00:10:32: Je brüchiger unsere Gegenwart wirkt, desto attraktiver erscheint ein Kanzler der seine Macht nutzte um eine politische Ordnung zu etablieren die ihn überdauerte.

00:10:44: Über den Autor Dominic Geppert geboren in Freiburg im Breisgau Professor für Geschichte des neunzehnten zwanzigsten Jahrhunderts Universität Potsdam stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Stiftung Bundeskanzler Adenauer Haus.