Der Mythos der stärksten Klasse

Shownotes

Viola Neu hinterfragt den fortbestehenden Mythos von der politischen Schlüsselrolle der klassischen Arbeiterschaft. Obwohl diese Gruppe gesellschaftlich und statistisch seit Jahrzehnten kleiner geworden ist, wird ihr Wahlverhalten weiterhin oft als besonders richtungsweisend interpretiert. Ihre Analyse zeigt jedoch, dass heute weniger alte Klassenkategorien als vielmehr Unterschiede bei Bildung und sozialer Lage die entscheidenden politischen Konfliktlinien prägen.

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00:00:00: Der Mythos der stärksten Klasse, über das Wahlverhalten der Arbeiter von Viola Neu.

00:00:07: Der Gedanke an Arbeiter – oft auch an die Arbeiter-Klasse – weckt auch ohne maxistische Grundüberzeugungen tief verwurzelte Bilder und nostalgische vielleicht sogar romantisierende Assoziationen.

00:00:21: Man denkt unwillkürlich an den Kampf um die Arbeitsbedingungen, die Gleichstellung der Arbeiter – nicht zuletzt im Wahlrecht -, die eigene Kultur des Proletariats, den Aufstieg durch gute Gehälter im Nachkriegsdeutschland.

00:00:36: Bedingt gilt das auch für die DDR und das Schwinden der Gräben zwischen der Bürger- und Arbeiterkultur.

00:00:43: Die Arbeiterklasse ist Teil der historischen Erinnerungskultur Doch spätestens seit den Neunzehnhundertsiebzigerjahren ist ihr Schwinden nicht zu übersehen.

00:00:53: Der letzte Höhepunkt der Gleichstellung, der Arbeiterschaft markiert eine Reform im Versicherungswesen.

00:01:00: Spätestens Zwei-Tausendfünf wurde das Ende des Arbeiterstatus besiegelt.

00:01:05: In der deutschen Rentenversicherung vereinigten sich die für die Arbeiter zuständigen Landesversicherungsanstalten LVA mit der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte.

00:01:17: Auch in Tarifverträgen findet sich die Differenzierung seither nicht mehr.

00:01:22: Inzwischen gibt es nur noch die Unterscheidung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

00:01:27: Die Arbeiterschaft verschwindet so Stück für Stück aus der wirtschaftlichen und statistischen Wahrnehmung der Gesellschaft, auch Behörden tragen dieser Entwicklung Rechnung.

00:01:38: So wird die Differenzierung von Arbeiten und Angestellten vom Statistischen Bundesamt nicht mehr erhoben.

00:01:45: Die letzte Publikation des Mikrozensus mit einer Trennung von Angestellten und Arbeitern erfolgte im Jahr für den Grundlage des Zensus von dem Jahr.

00:01:58: Etwa vier Komma fünf Millionen Arbeiter gab es zu diesem Zeitpunkt.

00:02:02: Auf dieser Basis beträgt der Arbeiteranteil an der Erwerbsbevölkerung zehn Komma sechsundfünfzig Prozent.

00:02:10: Von insgesamt forty-two Millionen fünfhundert siebenundzwanzigtausend Erwerbstätigen.

00:02:16: Der Anteil der Arbeiter singt jedoch kontinuierlich, so waren nineteenhundertfünfzig noch mehr als die Hälfte der beschäftigten Arbeiter.

00:02:24: Die Arbeiter sind trotz dieser Entwicklung dennoch nicht aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden!

00:02:30: Menschen denken bei Berufen an Tätigkeiten, die sie der Gruppe der Arbeiter zuordnen.

00:02:35: Auch bei den aktuellen und früheren Beschäftigten spielt die Selbsteinstufung als Arbeiter nach wie vor eine Rolle.

00:02:43: Unabhängig von Mikrozensus, der auf Selbstauskünften der Befragten beruht wird in Umfragen mit unterschiedlichen und sehr differenzierten Messinstrumenten nach der früheren oder aktuellen Erwerbstätigkeit gefragt.

00:02:58: Daher gibt es auch in der empirischen Sozialforschung Erkenntnisse über Arbeiter.

00:03:04: Analysen zur Arbeiterklasse gehören jedoch der Vergangenheit an, so wird in der Soziologie oftmals auf andere Unterteilungen beispielsweise auf Unterklasse oder Unterschicht zurückgegriffen.

00:03:18: Arbeiter werden in diesen Unterteilionen meist in zwei Gruppen eingeteilt Facharbeiter werden eher der Mittelschicht, Arbeiter mit einfachen Tätigkeiten, der Unterschicht zugeordnet.

00:03:30: In der Unterschaft finden Sie sich dann in einer Gruppe mit prekär Beschäftigten und Arbeitnehmern die einfache Dienstleistungen ausführen wieder.

00:03:39: Gelegentlich gibt es Studien, die die Gruppe der Arbeiter ausweisen – doch stellen diese mittlerweile die Minderheit dar!

00:03:47: Das liegt daran dass sich zwei zentrale Fragestellungen gegenüberstehen.

00:03:51: Wird soziale Ungleichheit erforscht, dann ist eine Stratifikation notwendig die Unterschiede zwischen den sozialen Lagen operationalisiert.

00:04:01: Werden Einstellungen oder politisches Verhalten untersucht?

00:04:04: Dann wird der Einfluss der Sozialstruktur auf die Einstellung bzw das politische Verhalten geprüft.

00:04:11: Es gibt hier seit Jahrzehnten einen Trend, der belegt, dass sich der Einfluss der Sozialstruktur auf politische Einstellungen und das Wahlverhalten zunehmend abgeschwächt hat.

00:04:24: Der Mythos der Arbeiter als der stärksten Klasse scheint dennoch vorzubestehen.

00:04:30: Die sinkende Resonanz der SPD in der Wählerschaft wird meist damit verknüpft, dass sie ihren Anspruch auf die Vertretung der Arbeiterklasse eingebüßt habe.

00:04:40: Die Zugewinne der AfD bei Arbeitern, vor allem bei der Bundestagswahl-Zweißen, wurden in vielen Wahlanalysen als Beweis für die nachlassende Bindungskraft der SPD interpretiert.

00:04:54: Damit wird der Arbeiterklasse nach wie vor eine zentrale Bedeutung für den Wahlausgang von Parteien zugesprochen.

00:05:01: Wenn man das Wahlverhalten der Arbeiter seit der Wiedervereinigung in den letzten Jahren betrachtet, gibt es sowohl große Kontinuitätlinien als auch signifikante Veränderungen – je nachdem welche Parteimann analysiert.

00:05:16: Die Arbeiter verhalten sich kollektiv parallel mit der politischen Stimmung der Gesamtbevölkerung.

00:05:23: Dieser Effekt ist jedoch nicht auf Arbeiter begrenzt!

00:05:26: Schon lange wird beobachtet, dass es in den einzelnen sozialstrukturellen Gruppen kaum Abwechslungen vom allgemeinen Trend gibt.

00:05:34: Es gibt nur unterschiedlich hohe Sockel – Gruppen bei denen Parteien generell einen höheren Zuspruch finden und Gruppen, bei denen die Zustimmung unterdurchschnittlich ist.

00:05:45: Doch bewegen sich diese Gruppen beim Wahlen fast identisch wie alle anderen Wähler?

00:05:50: Wenn's schlecht läuft verlieren Parteien in allen Gruppen!

00:05:54: Auch dort, wo sie normalerweise eine hohe Gruppenanbindung haben.

00:05:58: Der Zuspruch in diesen Gruppen ist dann zwar immer noch überdurchschnittlich nur auf einem niedrigeren Niveau gegenüber der Vorwahl.

00:06:06: Dies gilt auch für die Gruppen, in denen Parteien unterdurchsschnittlich abschneiden also eine traditionell schwächere Anbindung habe.

00:06:15: Auch dort verlieren Parteien meist so wie es sich im Bevölkerungs-Durchschnitt ablesen lässt.

00:06:21: Die Wirkung der politischen Stimmung ist also in allen sozialstrukturellen Gruppen, mit einigen wenigen Ausnahmen fast immer gleich.

00:06:29: Oder um es anders zu formulieren – das Delta der Über- und Unterrepräsentation ist fast konstant!

00:06:38: Betrachtet man nun das Abstimmungsverhalten der Arbeiter für die einzelnen Parteien entsprechen bei der Union der FDP und den Grünen die Gewinne-und Verluste in der Gruppe der Arbeiter im Durchschnitt, den Gewinnen- und Verlusten, die insgesamt erzielt werden.

00:06:55: Diese Parteien erzielen in der Groupe der Arbeiter immer unterdurchschnittliche Ergebnisse.

00:07:01: Entgegen ihrem aus der Partei Tradition entspringenden Image ist die linke Partei des demokratischen Sozialismus PDS, Linkspartei nicht die Partei der Arbeiterklasse.

00:07:13: Allerdings gab es eine historische Phase, in der sie überdurchschnittlich gut in dieser Gruppe abschnitt.

00:07:20: Mit dem Wechsel von Oskar Lafontaine in die PDS-Fraktion und der Fusion mit der WASG – Arbeit & soziale Gerechtigkeit, die Wahlalternative zur Linkspartei Die Linke gewann Sie überd Durchschnittlichen Zuspruch bei Arbeitern und auch bei Gewerkschaftsmitgliedern.

00:07:39: Doch seit Jahrzehnten ist diese Phase vorbei!

00:07:43: Wie vorher als PDS schneidet die Linke in der Gruppe der Arbeiter entsprechend ihrem Gesamtergebnis ab.

00:07:50: Bei dem Kampf um die Arbeiterklasse hat die SPD durch die Konkurrenz, der AfD erheblich Federn gelassen.

00:08:09: Neun Prozentpunkte gewann sie jeweils bei diesen Wahlen in der Gruppe der Arbeiter mehr als im durchschnittlichen Wahlergebnis.

00:08:17: Ab diesem Zeitpunkt ging es bergab – nicht steil, aber stetig!

00:08:22: Bereits vor der ersten Teilnahme der AfD an einer Bundestagswahl im Jahr zwei Tausend Dreizehn hatte die SPD ihren überdurchschnittlichem Rückhalt in der Arbeiterschaft von Wahl zu Wahl immer mehr eingebüßt.

00:08:36: Das minimal bessere Abschneiden blieb bei Arbeitern zunächst konstant.

00:08:40: Bis twenty-fünfundzwanzig der Anteil der Arbeiter, die sich für die SPD entschieden mit sechzehn Prozent dem Wahlergebnis der Partei in der Gesamtbevölkerung entsprach.

00:08:51: Ninzehundertachtundneunzig stimmte noch die Hälfte der Arbeiter... ...für die SPD!

00:08:56: Der gewachsene Zuspruch den die AfD in der Gruppe der Arbeiten mittlerweile genießt ist für die SPD besonders schmerzlich.

00:09:04: Bei ihrer ersten Kandidatur für den Bundestag, die AfD noch keinen überdurchschnittlichen Zuspruch hatte.

00:09:12: Ab diesem Zeitpunkt stieg die Zustimmung bei Arbeitern jedoch stetig an – bis die AfD bei der Bundestagswahl, im Jahr- und Jahrzehnt, bei der Arbeiterschaft um neun Prozentpunkte besser Abschnitt als in der Gesamtbevölkerung.

00:09:27: Erreichte die AfD-Aufgabe im Jahr year-undzwanzig insgesamt rund einundzwantig Prozent.

00:09:33: entschieden sich dreißig Prozent der Arbeiter für die Partei.

00:09:37: Dieser Trend lässt sich ebenfalls bei anderen rechtspopulistischen Parteien wie der FPÖ in Österreich beobachten, wobei sich die AfD zumindest als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingeordnete Partei von diesen unterscheidet – was aber für das Wahlverhalten irrelevant zu sein scheint!

00:09:56: In mehreren Bundesländern wird die AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

00:10:04: Die Austauschprozesse der SPD mit der AfD scheinen nicht nur in Bezug auf die Arbeiter, sondern auch insgesamt in der Öffentlichkeit bislang unterbewertet zu sein.

00:10:16: Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig die These – die AfD sei Fleisch von Fleisch der Union!

00:10:23: Diese Vermutung ist jedoch empirisch nicht zu halten.

00:10:27: Die Wählerwanderungsbilanz von Infratest-Demap, die im Rahmen der Wahlberichterstattung der AfD erhoben werden, sprechen eine andere Sprache.

00:10:36: Am gesamten Zugewinn an Stimmen der AfD bei der Bundestagswahl-Zweißen-Fünfundzwanzig stammten dreizehn Prozent von der SPD.

00:10:45: Neunzehn Prozent sind ehemalige Wähler der Union!

00:10:49: Gemessen an der Größe der SPD ist das ein überdurchschnittlicher Anteil.

00:10:54: Als die AfD im Jahr twenty-einundzwanzig Stimmen einbüste, landeten zwanzig Prozent des Rückgangs bei der SPD – sieben Prozent bei der Union!

00:11:05: Allerdings kann man anhand der vorliegenden Daten der Wählerwanderungen nicht feststellen wie viele Arbeiter, die früher die SPD wählten, wechselten….

00:11:15: Es ist allerdings plausibel anzunehmen, dass sich unter den siebenhundertzwanzigtausend Wählern die zweitausendfünfundzwanzige von der SPD zur AfD gingen auch Arbeiter gefunden haben.

00:11:29: Zu bedenken ist auch das sich der Zustrom der AfD teilweise etwa zur Hälfte aus Nichtwählern zusammensetzt – d. h., nur die Hälfe des Zuwachses erklärt sich als ehemaligen Parteiwählern!

00:11:41: Schon aufgrund ihrer Größenordnung hätte die Gruppe der Arbeiter den Anstieg der AfD auf ... an dieser Stelle lohnt sich eine einfache Berechnung.

00:12:11: dann wären ca.

00:12:13: µm ihre Stimmen von Arbeitern gekommen, bezogen auf die zehn Komma vier Millionen Stimmen der AfD.

00:12:19: insgesamt würde dies einem Anteil von circa zwölf Prozent entsprechen was ziemlich genau dem Arbeiteranteil an der Bevölkerung entspricht.

00:12:29: Dies macht deutlich das Vieles was auf den ersten Blick erstaunlich erscheint und auf den zweiten Blick relativiert werden muss – zumindest was die Arbeiterschaft betrifft!

00:12:39: Die Arbeiterklasse hat aufgrund ihrer Größe einen geringen Einfluss auf das Abschneiden der Parteien.

00:12:45: Anders stellt es sich da, wenn man das Wahlverhalten nach Bildungsabschlüssen betrachtet.

00:12:50: Jeweils etwa die Hälfte der Wähler verfügt über ein höheres bzw.

00:12:55: niedrigeres Bildungsniveau.

00:12:57: Bürger, die keinen höheren Bildungsabschluss haben, neigen zunehmend zur AfD – eine Tendenz, die seit der Europawahl-Wahlsvierundzwanzig deutlich geworden ist!

00:13:08: Männer, Wähler die jünger als fünfunddreißig Jahre sind, Wählern im ländlichen Raum und Wähler ohne Abitur.

00:13:16: Neigen verstärkt zur AfD.

00:13:18: Hatte die AfD zwei tausend dreizehn keine Nennenswerten über oder unter Repräsentation in den unterschiedlichen Bildungsgruppen haben sich die Unterschiede zunächst verstärgt und sind zuletzt sprunghaft angestiegen.

00:13:33: Bei allen Bundestagswahlen schnitt die AfD bei Wählern mit einem mittleren Bildungs-Niveau am besten ab.

00:13:40: Doch waren die Unterschiede zwischen den Gruppen nicht sehr groß?

00:13:43: Das hat sich im Jahr zwei tausendfünfundzwanzig dramatisch verändert.

00:13:47: Elf Prozent der Wähler, mit einem Hochschulabschluss, entschieden sich für die AfD.

00:13:52: Am besten schnitte die Partei bei Wähler mit einem Mittlerenbildungsabschluß ab von denen neun und zwanzig Prozent für die AFD stimmten!

00:14:00: Zwar kann heute noch nicht entschieden werden, ob eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie entstanden ist.

00:14:07: Die Spreizung der AfD-Anhängerschaft nach dem erreichten Bildungsniveau macht hingegen nachdenklich.

00:14:18: Geboren in Ludwigshafen am Rhein, promovierte Politikwissenschaftlerin, stellvertretende Leiterin der Hauptabteilung Analyse und Beratung.

00:14:30: Leiterinnen Wahl- und Sozialforschung Konrad Adenauer Stiftung.

00:14:36: Gelesen von Karolina Hofmeister Die politische Meinung Neutral geht gar nicht.

00:14:47: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftungen.