Bürgerlichkeit ohne Klassenschranken
Shownotes
Jens Hacke erläutert, wie sich Bürgerlichkeit in der freiheitlichen Gesellschaft längst von starren Klassenschranken gelöst hat. Im Zentrum steht die Frage, wie Demokratie soziale Ungleichheit ausgleichen, politische Teilhabe sichern und Aufstiegschancen für alle offenhalten kann. Der Beitrag zeigt, dass nicht soziale Herkunft, sondern Chancengerechtigkeit, Menschenwürde und gleichberechtigte Bürgerrechte das Fundament moderner Bürgerlichkeit bilden. So entsteht ein wichtiger Impuls dafür, Demokratie als gemeinsames Versprechen auf Teilhabe und soziale Integration neu zu denken.
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00:00:00: Bürgerlichkeit ohne Klassen schranken, Überarbeiter in der freiheitlichen Gesellschaft von Jens Hacke.
00:00:08: In der gegenwärtig begrifflich arg strapazierten Krise um die Bewährungsfähigkeit der Demokratie wird die Zwischenkriegszeit bevorzugt als Vergleich herangezogen.
00:00:19: Ein Schlüssel zum Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede mag darin liegen welche Rolle damals und heute gesellschaftliche Ungleichheit spielte.
00:00:29: Vor dem Hintergrund warle ich revolutionärer Zustände am Ende des Ersten Weltkrieges und der verbreiteten Nahe-Erwartung eines Scheiterns bürgerlich parlamentarischer Regierungen, die in Deutschland gerade erst etabliert, unfähig schienen, Kompromisse herzustellen, galten Kapitalismus und Klassenkampf als wesentliche Ursache politischer Verwerfungen.
00:00:53: Rechtdefensiv formulierte Hans Kelsen – einer der bedeutendsten Rechtswissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts dass die wesentliche Aufgabe der parlamentarischen Demokratie darin liege, den sozialen Frieden zu gewährleisten und Konflikte zu entschärfen.
00:01:09: Die Wirklichkeit schien seine immer noch maßgebliche Verteidigung der repräsentativen Demokratie lügen zu straffen.
00:01:16: Die politischen Auseinandersetzungen orientierten sich eher an Kelsens Antipoten Karl Schmidt – der das Wesen der Politik aus der Bestimmung von Freund und Feind herleitete und ein Modell identitärer Demokratie favorisierte.
00:01:32: Eine antipluralistische, homogene Volksgemeinschaft ließ sich so von oben herstellen, lenken und zu plebiscitären Willensäußerungen animieren.
00:01:42: Klassenspaltung war kein Problem mehr und verschwand wie durch einen Zaubertrick – von rechts gekapert!
00:01:51: Gleichwohl blieben die Begriffe Arbeiter- und Bürger proletariat & bourgeoisie in den Weihmacherjahren hart umkämpft.
00:02:00: Eine Sozialdemokratie glaubte schon länger nicht mehr an den revolutionären Sieg der Arbeiterklasse, sondern zielte auf Reformen im Kapitalismus.
00:02:09: Der Verehlendungstheorie besagt, dass die Arbeiterklasse im Kapitalismus trotz technischen Fortschritts zunehmend verarmt während Kapitalisten reicher werden war lange passé.
00:02:20: Währenddessen entdeckte die Soziologie einen alternativen epochemachenden dritten Sozialtypus den Angestellten als Vorläufer der Dienstklassengesellschaft, Ralf Darendorf.
00:02:33: Er war von Abstiegsängsten erfüllt und personifizierte die Panik im Mittelstand, Theodor Geiger.
00:02:41: Ihm proletarisches Bewusstsein einzuimpfen schien aussichtslos.
00:02:45: noch unübersichtlicher wurde Die Lage Als Der Arbeiter Von Rechts Nämlich in Ernst Jüngers gleichnamige Schrift aus dem Jahr um die bürgerliche Kultur durch eine Herrschaft der Technik abzulösen.
00:03:00: Diese merkwürdig-universale, planetarische Figur war aus jeder sozialistischen Tradition herausgelöst.
00:03:08: Als heroischer Typus soll der Arbeiter das bürgertliche Individuum ersetzen und den Übergang von der liberalen Demokratie zum Arbeitsstaat forcieren.
00:03:18: Jünger pointierte damit die autodistruktiven Tendenzen bürgarlichen Selbsthasses, die unter den Sammelbegriffen konservative Revolution oder neue Nationalismus subsumiert wird und sich aus den überkommenen Werten des vermeintlich liberalen neunzehnten Jahrhunderts zu befreien strebte.
00:03:40: Diejenigen vernunftrepublikanischen Intellektuellen, die ein selbstbewusstes Verständnis von liberaler Bürgerlichkeit zu etablieren versuchten blieben in der Minderheit.
00:03:50: Nach Vorbild der zunächst zukunftsweisenden Weimacher Koalition war beispielsweise Thomas Mann für einen Schulterschluss zwischen progressiven Bürgertum und aufstrebender Arbeiterschaft, verkörpert durch die Sozialdemokratie.
00:04:05: Aber die weiterhin wirksame Rhetorik der Klassenschrankten schienen eine Verständigung unmöglich zu machen – zumal die tiefe Spaltung zwischen SPD-und KPD die Illusion eines proletarischen Einheitswillens bereits pulverisiert hatte!
00:04:20: Wie sehr sich der Mythos des Arbeiters dennoch für politische Zukunftspläne instrumentalisieren ließ, verdeutlichte auch die Namensgebung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP mit dem Effekt das sich Jüngers erwähnte Schrift in Teilen wie ein faschistisches Manifest liest.
00:04:40: Dolf Sternberger und Die Arbeiter tief geprägt von den Auseinandersetzungen in der Weimacher Republik blieb zeitlebens ein politischer Denker, der in der Bundesrepublik prominent den von Theodor Momsen während des Kaiserreichs geäußerten Wunschaufnahmen ein Bürger zu sein.
00:04:59: Dolf Sternberger, war in wohlverstandener Bürgerlichkeit die Erfüllung des Politischen, die eben nur in der parlamentarischen Demokratie zu realisieren war.
00:05:13: Sternbergers Kampagne, alte Begriffe wie Vaterland, Gemeinsinn, Loyalität und Staatsfreundschaft im Sinne des von ihm vertretenen Verfassungspatriotismus neu zu beleben überdeckt dass er politisch ursprünglich viel weiter links situiziert war.
00:05:29: Als junger Mann begeisterte er sich für den Sozialismus als Idee zuweilen christlich geprägt in Richtung seines Doktorvaters Paul Tillich.
00:05:37: auch Theodor Adorno hielt große Stücke auf den Frankfurter Promotionsstudenten der sich gut entwickelt und etwas in sich hat, wie er im Mai-Mai-Ninzehnhunderteißig an seinen Freund Siegfried Krakauer schrieb.
00:05:51: Und den er als Redakteur für den Rezensionsteil der Zeitschrift für Sozialforschung einstellte.
00:05:57: Sternberger interessierte sich für alle möglichen philosophischen und gesellschaftlichen Fragen – allerdings nicht nur in den Höhen der Theorie!
00:06:05: Als ihm sein Frankfurter Umfeld mit der Machtübertragung an Adolf Hitler-Ninezehnhundertdreißig wegbrach war er in einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Sozialversicherung untergekommen.
00:06:17: Sternberger analysierte darin, dass emanzipative Potenzial das in rechtlich garantierten Sozialleistungen und Absicherungen lag.
00:06:26: Für ihn ging es vor allem um die Integration der Arbeiter in den Staat.
00:06:30: Noch in späteren Veröffentlichungen zu Geschichten der Sozialdemokratie nahm er mit großer Sympathie Partei für den revisionistischen Reformerflügel und priserwartungsgemäß einen umsichtigen Pragmatismus von Eduard Bernstein bis zum Godesberger Programm.
00:06:47: Wofür sich Sternberger weniger interessierte, waren die Kultur der Arbeiterbewegungen und ihre spannungsvolle Beziehung zum bürgerlichen Milieu.
00:06:56: Er teilte die Aufstiegsperspektive der reformistischen Sozialdemokratie, die seit Bernstein die Emanzipation des Arbeiters zum gleichwertigen Staatsbürger visionierte.
00:07:07: In Sternbergas bundesrepublikanischen Schriften waren die Errungenschaften der Arbeiterbewegungen historisiert und mit der Ausrufung der SPD zur Volkspartei, die sozialen Klassen weitgehend nivelliert.
00:07:20: Er schien überzeugt das politische Anschauungsunterschiede – etwa das Aufkommen der neuen Linken – nicht mehr milieuspezifisch zuzurechnen waren.
00:07:30: Die Achtundsechziger agitierten als maxistisch enthousiasmierte Bürgerkinder ratlos vor Fabriktoren wo Arbeitnehmer mit Aufstiegsperspektive keinen Impuls zur Revolution verspürten.
00:07:43: Ausgeschlossene ohne politische Repräsentanz.
00:07:48: Im Parteisystem der Bundesrepublik drängt alles, die akademisch geprägte und nostalgisch dem proletariatverbundene Linke ausgenommen ins vorgestellte bürgerliche Zentrum.
00:07:59: Die SPD hat periodisch die neue Mitte entdeckt.
00:08:03: FDP- und Union sehen sich traditionell als Vertreter bürgarlicher Mittelschichten die Grünen mit akademischer Schlagseite ebenfalls und sogar die AfD modelliert sich gern als Vertreterin eines rechtskonservativen Bürgertums.
00:08:17: Während die Soziologie soziale Frakturen diagnostiziert, gesellschaftlich abgehängte Gruppen beschreibt uns über die Existenz von prekären Milieus auf dem laufenden Held finden diese Einsichten parteipolitisch kaum Resonanz.
00:08:32: Abgehängten Modernisierungsverlierer bildungsferne Schichten werden de facto nicht politisch repräsentiert.
00:08:39: Sie bleiben in den Worten des Soziologens Heinz Spude ausgeschlossene.
00:08:45: Das heißt allerdings nicht, wie es uns eine radikale Demokratie-Theorie glauben machen will – das ausgerechnet in diesem Segment der Gesellschaft die größte Protestbereitschaft zu finden wäre!
00:08:56: Es wird auch immer weniger für sie mitgedacht.
00:08:59: Anders als das Proletariat, dass inmitten der Gesellschaft als Handelndes wenn nicht gar revolutionäres Subjekt vorgestellt wurde, bleiben diese anteilslosen marginalisiert und werden als Störfaktoren wahrgenommen.
00:09:12: So richtig es ist, der Vergeudung von Sozialleistungen entgegenzuwirken und die hart arbeitenden nicht gegenüber den Beziehern der Grundsicherung zu benachteiligen – so klar ist auch dass eine einseitige Karlschlagpolitik die Probleme allein nicht löst.
00:09:28: Sicherlich im klassischen Sinne muss sich Arbeit lohnen und gerecht entlohnt werden aber die Arbeitnehmerinnen sind heute kaum mehr als Klasse zu fassen!
00:09:39: Und die Übergänge zu Minijobbern und einem unterbezahlten Dienstleistungsproletariat sind fließend.
00:09:46: Ihre Lage wird von der Politik kaum wahrgenommen, Der überteuerte Wohnungsmarkt, Infrastrukturprobleme, Energie- und Lebenshaltungskosten betreffen in erster Linie diese Gruppen.
00:09:57: Überdies?
00:09:58: Welche Partei macht den Kampf gegen Armut Menschen unwürdiger Existenz Drogenabhängigkeit oder Obdachlosigkeit zu ihrer Sache?
00:10:08: Diese Unwucht gibt doch einen Hinweis darauf, dass wir es uns im Blick auf das politische System zu lange in überholten Kategorien bequem gemacht haben.
00:10:18: Sternbergers Erkenntnis die Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger als Kern der liberalen Demokratie zu bestimmen verliert seine banale Note wenn wir die damit verbundenen normativen Anforderungen mit bedenken.
00:10:31: Die Segmentierung einer Gesellschaft in Leistungsträger systemrelevanter Arbeitnehmer Problemgruppen und Ausgeschlossene Aber auch der dauernde Abgleich von Berechtigungsansprüchen lenken davon ab, dass das allgemeine beste Sternberger zur Disposition steht.
00:10:48: Diejenigen denen Aufstiegs- und Lebenschancen verwehrt bleiben die am Existenzminimum Leben und soziale Benachteiligung erfahren, bleiben ein Stachel im Fleisch der Demokratie – nicht die Verwirklichung von sozialer Gleichheit sondern die politische Konzentration auf Chancengerechtigkeit ist
00:11:06: gemeint."
00:11:07: Bürgerlichkeit hat sich lange abgelöst vom Bürgertum als Klasse, um Menschenwürde, Freiheit streben und politische Partizipation für alle zu ermöglichen.
00:11:17: Und niemandem auf einen sozialen Status
00:11:20: festzulegen.".
00:11:22: Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Mark Liller erkannte in der Vernachlässigung des sozialen Versprechens der Demokratie das wesentliche Versäumnis eines Linksliberalismus dessen Fixiertheit auf Identity Politics dem Populismus Flügelverlieh.
00:11:39: Die Toleranz für verschiedene Lebensformen, sexuelle Identitäten, religiöse Bekenntnisse
00:11:44: etc.,
00:11:45: bezeichnet eine liberale Selbstverständlichkeit sollte jedoch nicht das Wesentliche überdecken – dass alle Individuen eben als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zueinander in Beziehungen treten, Vereinbarungen treffen können um das gemeinsame Miteinander zu
00:12:02: gestalten.".
00:12:04: Insofern tritt neben die wohlstandsgenerierende ökonomische Legitimation eines leistungsfähigen Staates nicht minder sein Willen, öffentliche Räume zu pflegen, die Infrastruktur zu erhalten, Bildungsvoraussetzungen zu schaffen und somit vermögensunabhängig bürgerliches Leben zu fördern.
00:12:24: Über den Autor Jens Sacke geboren in Bonn, lebt als Politikwissenschaftler und Publicist in Hamburg Die politische Meinung.
00:12:40: Neutral geht gar nicht!