Der blinde Fleck der Demokratie
Shownotes
Hans Rusinek beschreibt die Arbeitswelt als einen zentralen Erfahrungsraum für Demokratie. Wer im Berufsalltag vor allem Kontrolle, Ohnmacht und fehlende Mitsprache erlebt, verliert leichter auch das Vertrauen in demokratische Verfahren und politische Institutionen. Seine zugespitzte These lautet deshalb: Die Stabilität der Demokratie entscheidet sich nicht nur in Parlamenten oder auf Demonstrationen, sondern ebenso dort, wo Menschen den größten Teil ihres Alltags verbringen: bei der Arbeit.
Transkript anzeigen
00:00:00: Der blinde Fleck der Demokratie Wie wir von Arbeitern zu Bürgern werden.
00:00:06: Von Hans Rosinek Vor einiger Zeit wurde in deutschen Innenstädten Medienwirksam für die Demokratie demonstriert, war dies ein starkes Signal oder nur ein flüchtiger Moment gesellschaftlicher Selbstvergewisserung?
00:00:21: Als die Plätze Lehrer wurden waren die strukturellen Herausforderungen geblieben Und heute zeigt sich, dass demokratische Stabilität bei Weitem nicht allein durch temporäre Mobilisierungen entsteht.
00:00:34: Weltweit geraten demokratische Systeme unter Druck und auch in Deutschland wächst der Zuspruch für Kräfte die demokratische Institutionen delegitimieren.
00:00:43: Demokratiegerät selten spektakulären zwanken.
00:00:47: Meist beginnt ihre Erosion leise – durch schwindendes Vertrauen fehlende Teilhaberfahrungen und das Gefühl keinen Einfluss zu haben!
00:00:56: Klar bleibt jedoch, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verteidigt werden müssen.
00:01:01: Es muss gezeigt werden in welcher autoritäre Lebenswelt die Entwicklung sonst geht – In eine Welt willkürlicher Befehle wo wir unter dauernder Aufsicht stehen Wo die kleinsten Details unseres Verhaltens dokumentiert werden Wo sich unsere Überwacher nur nach oben verantworten müssen Und dorthin regelmäßig Berichte weiterleiten auf deren Basis unsere Abweichung bestraft wird.
00:01:25: Sie denken nun an ein Film wie Das Leben der Anderen?
00:01:29: Weit gefehlt, denn dieses Szenario beschreibt einen typischen modernen Arbeitsplatz inklusive der gern auch Bossware genannten Software zum Überwachen von Mitarbeitenden.
00:01:40: All das ist heutzutage schon Alltag in mitten der Demokratien.
00:01:44: Der Erfolg populistischer Bewegungen speist sich nicht nur aus Ideologie sondern aus Erfahrung.
00:01:50: Wer täglich Ohnmacht erlebt verliert Vertrauen im Verfahren.
00:01:54: Wer sich nicht gehört fühlt, zweifelt an Öffentlichkeit.
00:01:57: Wer Anerkennung vermisst ist empfänglich für einfache Deutungen.
00:02:01: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit müssen nicht nur verteidigt sondern erfahrbar gehalten werden.
00:02:07: Wir üben Autokratie im Büro.
00:02:10: Wundert es uns denn wirklich dass die Demokratie in Gefahr ist wenn wir einen großen Teil unserer Zeit in Strukturen verbringen die wer mit politischer Brille nur als Autokratien bezeichnen können?
00:02:22: Die Macht der Chefs über ihre Angestellten, dieses so heikle und deswegen selten öffentlich diskutierte Thema erleben Menschen viel unmittelbarer als die Macht des Staates.
00:02:33: So die Wirtschaftsetikerin Lisa Herzog.
00:02:36: Der Staat ist weit weg – seine Machtmechanismen sind im Hintergrund und vor allem demokratisch legitimiert!
00:02:44: Was dagegen unsere Chef von uns verlangen?
00:02:46: wie sie den Ton prägen, der am Arbeitsplatz vorherrscht, beeinflusst uns unmittelbar und täglich.
00:02:53: So Herzog!
00:02:54: Natürlich gibt es Sie – Betriebliche Mitbestimmung, Betriebsräte, Arbeitnehmervertretungen Errungenschaften die geschützt werden müssen.
00:03:03: Doch hier geht es um etwas anderes Nicht um die formale Governancebene sondern um die gelebte Praxis.
00:03:09: Wie wird entschieden?
00:03:11: Wer darf widersprechen?
00:03:13: Wird Vertrauen geschenkt oder Kontrolle perfektioniert?
00:03:17: Werden Menschen als mitdenkende Subjekte adressiert oder als auszuführende Funktionen?
00:03:23: Demokratie ist mehr als ein institutionelles Arrangement.
00:03:27: Sie ist eine tägliche Übung, Institutionen können bestehen und dennoch kann der Alltag von Ohnmacht geprägt sein.
00:03:34: Demokratie wird nicht nur geregelt sie wird praktiziert.
00:03:41: Zahlreiche Unternehmen stehen nun entschlossen auf und wollen auf die gesellschaftlichen Verwerfungen einwirken.
00:03:47: Wirtschaftsetiker wie Markus Scholz und Thomas Beschorner arbeiten glasklar heraus, wie Unternehmenslenker etwa mit Aufklärungs- und Bildungskampagnen, Wirtschaftsbündnissen und der Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Initiativen auf die Gesellschaft wirken können.
00:04:03: Und warum sie es sollen?
00:04:06: Doch sind die Unternehmen auch gesellschaftlich und müssen deshalb gleichfalls nach Innen blicken?
00:04:11: Dabei gilt, was der Reformpädagoge Hartmut von Hentig bereits vor vielen Jahren sagte.
00:04:18: Es reicht nicht in einer Demokratie zu leben – es kommt darauf an, demokratisch zu leben!
00:04:24: Und demokratisch zur Arbeiten möchte man hinzufügen.
00:04:28: Demokratie ist dabei mehr als nur eine alle vier Jahre stattfindende Urningang.
00:04:33: Mehr als die zwanzig vielleicht auch nur zehn Kreuzchen, die ein Mensch in einem Leben macht.
00:04:39: Folgen wie dem Sozialphilosofen Axel Hornet bedeutet im Austausch mit anderen Menschen wohlgeformte Meinungen über gemeinschaftliche Fragen so zusammenzubringen, dass wir zu einem kollektiven reflektierten Urteil kommen.
00:04:53: Demokratie ist Austausche, Kommunikation und Öffentlichkeit.
00:04:58: An diesen Prozessen hängt die Demokratie.
00:05:01: Nur so werden wir unserer Rolle als souverän gerecht.
00:05:04: Es sind hohe Ansprüche, die dieses Verständnis an uns stellt Vor allem deshalb, weil wir im Gegensatz zur Antike ein obendrein arbeitender Souverän sind wie Honet unterstreicht.
00:05:16: In der Antike arbeiteten Bürger nicht und Arbeitende oder besser Sklaven waren keine Bürger.
00:05:23: Heute sind wir beides zugleich – Bürger-und Angestellte, politische Subjekte und ökonomische Rolleninhaber.
00:05:31: Eine heikle Mischung!
00:05:32: Vielleicht hat die Antike darin sogar eine Warnung für unsere Gegenwart versteckt?
00:05:37: Unser Demokratieideal stammt aus einer Zeit, in der Arbeit von Menschen verrichtet wurde die keine Stimme hatten.
00:05:43: Die Demokratie wurde von Menschen gemacht, die nicht arbeiten mussten – entweder Bürger oder Arbeiter!
00:05:50: Nie beides zugleich.
00:05:54: Wollen wir als arbeitende Souveräne die Demokratie wirklich stärken?
00:05:57: Können wir uns nicht auf Wochenendproteste verlassen.
00:06:00: Wir müssen dahin gehen wo wir die restliche Woche verbringen Auf die Arbeit Notizen zu einem Citizen-Experience-Design.
00:06:09: Dies heißt nicht, aus der Arbeitswelt ein basisdemokratisches Versuchslabor zu machen.
00:06:14: Arbeit kann und soll die Demokratie nicht ersetzen.
00:06:18: Ein wichtiges Element des repräsentativen Modells ist ja gerade die Entlastung des Souveräns.
00:06:23: Arbeit muss sich aber ihrer Rolle als Vorhof der Demokratie bewusst werden – aus deren Prozesse sie sich eben nicht heraushalten kann!
00:06:32: Wenn Demokratie mehr sein soll als ein Wahlakt, dann braucht sie Erfahrungsräume.
00:06:37: Und der größte Erfahrungsraum erwachsener Bürgerinnen und Bürger ist die Arbeitswelt.
00:06:43: Wer Demokratie stärken will darf Sie nicht nur verteidigen – er muss sie gestalten!
00:06:48: Und zwar dort wo Menschen täglich Macht, Ohnmacht, Anerkennung und Mitsprache erleben.
00:06:55: In der Arbeitswelt beschäftigen sich Personalstrategien mit dem Employee-Experience Design also mit den Erfahrungspunkten einer funktionierenden Organisationskultur.
00:07:06: Um in der Arbeitswelt Demokratie erlebbar zu machen, brauchen wir nun ein Citizen Experience Design.
00:07:13: Mit der Arbeitsforscherin Antonette Weibel und erneut Axel Honett.
00:07:17: lassen sich hier vier Hebel identifizieren.
00:07:20: Erstens Arbeit als Vertrauensfundament.
00:07:25: Wir werden uns über die Gestaltung des Gemeinwesens nur Gedanken machen wenn wir Grund zur Hoffnung haben.
00:07:30: Nur wenn unsere Arbeit angemessen bezahlt ist, wir das Gefühl haben dass wir eine echte Wahl auf dem Arbeitsmarkt hatten und wir mit den Früchten der Arbeit in Würde vielleicht sogar in einer teuren Stadt, vielleicht sogar mit Kindern leben können werden wir Vertrauen auf eine gesicherte Zukunft haben.
00:07:47: Und uns für diese dann eben auch einsetzen!
00:07:51: Ein Citizen Experience Design muss deshalb beispielsweise die Lücken zwischen Management & Frontline Worker als Problem begreifen und mehr Mobilität innerhalb von Organisationen ermöglichen.
00:08:04: Zweitens, Arbeit als Ressourcenschoner.
00:08:07: Die ansprüche der Demokratie an ihren arbeitenden Souverän sind hoch!
00:08:12: Nur wenn wir Ressoursen in Form von Zeit- und Energie haben können wir uns nach der Arbeit informieren und dem demokratischen Sinne einbringen.
00:08:19: Statt der Entgrenzung der Arbeit durch permanente Digitalerreichbarkeit oder wenn Menschen mehr als einen Job brauchen, um ihre Rechnungen zu bezahlen muss ein Citizen Experience Design demokratische Freiräume lassen.
00:08:31: Vielleicht diese sogar bewusst schaffen etwa durch Corporate Volunteering.
00:08:36: Demokratie scheitert nicht an Wahlen sondern am Alltag.
00:08:40: Drittens Arbeit Als Anerkennungsquelle.
00:08:44: Als Menschen sind wir auf Anerkennen angewiesen.
00:08:47: Erhalten wir diese nicht, glauben wir selbst auch nicht an uns.
00:08:51: Die Arbeit ist der Ort wo wir Dinge herstellen sie anderen geben und dann auf Nicht nur finanzielle Anerkennung hoffen.
00:08:58: Deswegen ist Arbeitslosigkeit auch eine existenzielle Und nicht nur eine rein ökonomische Krise.
00:09:04: Eine Arbeitswelt, die bestimmten Berufsgruppen Anerkennung verwehrt höchstens ein Klatschen auf dem Altbaubalkon übrig hat, verwährt diesen Gruppen auch die Selbstachtungen und das Selbstwertgefühl um weiterhin selbstbestimmt entscheiden zu wollen.
00:09:18: Und um seinem eigenen Urteil zu trauen.
00:09:21: Das bringt den populisten Zulauf, die den Souverän aus der Verantwortung befreien weil eh alles ein falsches Spiel ist.
00:09:29: Ein Citizen-Experience-Design muss sich fragen, wie gerecht Anerkennung verteilt ist und mit welchen ökonomischen Organisationskulturellen und strukturellen Hebeln sich eine Anerkernungskultur schaffen lässt.
00:09:43: Viertens Arbeit als demokratischer Verkehrsübungsplatz.
00:09:47: Wo können wir lernen und einüben, wie wir uns mit anderen absprechen andere Perspektiven anerken, Kompromisse finden?
00:09:55: Nur wenn Arbeit aufhört Menschen klein zu halten Funktionalstupide zu lassen und ihnen ihren Antrieb zum gemeinsamen Handeln abzuerziehen, sind wir in der Lage zu tatkräftigen Bürgern einer Demokratie zu werden.
00:10:09: Ein Citizen-Experience-Design muss sich deshalb die Worte von Laszlo Bock dem ehemaligen Personalchef von Google zu Herzen nehmen.
00:10:17: Gibt den Menschen etwas mehr Vertrauen, Freiheit und Autorität als es sich gut anfühlt?
00:10:21: Wenn du nicht nervös wirst war es nicht genug!
00:10:26: Demokratie wieder zum Adjektiv machen.
00:10:30: Viel reden wir von Substantiven, die Politik.
00:10:33: Die Demokratie – die Gesellschaft!
00:10:36: Die Wortart des Substantivs bezeichnet festgelegte Sachverhalte.
00:10:41: Damit machen wir den genannten Begriffe zu Institutionen, die von unserem Handeln entfernt sind.
00:10:46: Wir haben in den letzten Jahrzehnten unsere freiheitliche Ordnung als etwas betrachtet, um dass sich die Politik, die Demokratie und die Gesellschaft schon kümmern.
00:10:55: Der Gedanke, dass wir die Gesellschaft sind – das die Demokratie nicht nur eine Sache der Politiker ist sondern auch der Bürger scheint immer mehr auf dem Rückzug zu sein.
00:11:04: Diagnostizierte der israelische Psychologe Carlo Strenger.
00:11:08: Ich möchte mehr von adjektiven sprechen.
00:11:11: Die Wortart des Adjektivs modifiziert Substantive Als Adjektief beschreiben die Begriffe politisch gesellschaftlich oder demokratisch die Eigenschaften von Momenten.
00:11:22: Es gibt Begegnungen Kampagnen, Produkte-Meetings die demokratisch sind.
00:11:28: Weil sie eine Beziehung zu der Welt und anderen herstellen, die jenseits einer Verwertungslogik ist.
00:11:34: Politisch ist was neue Handlungsräume ermöglicht Neue Wahrnehmungsweisen in Spiel bringt Was zu einem besser statt zu einem mehr führt.
00:11:43: Gesellschaftlich ist etwas Gemeinschaftlichkeit hervorruft.
00:11:46: Ein schweres Versäumnis ist, dass wir heute nur von der Politik sprechen und damit von einem eigenständigen Bereich, der nur bedingt Intensität, Sinn- und Gemeinschaftlichkeit schafft.
00:11:58: Die Politik ist eine separierte Sphäre die die tatsächliche Welt von politischen Fragen befreit.
00:12:05: Das ist letztlich nicht besonders politisch!
00:12:08: Die Krise unserer Demokratie ist weniger eine Krise der Institutionen als eine Kriese ihrer Erfahrbarkeit.
00:12:14: Wenn Demokratie nur noch substantiv bleibt, wird sie Verwaltung.
00:12:18: Wenn sie wieder adjektiv wird, wird Sie Praxis.
00:12:21: Die Arbeitswelt entscheidet mit, welche dieser beiden Richtungen wir einschlagen Über den Autor Hans Rosinek, geboren in Düsseldorf, altstipendiat der Konrad-Adenauer Stiftung Arbeits und Organisationsforscher sowie Berater für Transformation & Kulturentwicklung.
00:12:40: Er lehrt an der Universität Sankt Gallen zur Zukunft der Arbeit Und ist Visiting Lecturer für AI und Organizational Transformation an der European School of Management and Technology, ESMT Berlin.
00:12:54: Zudem ist der Fellow im Club Of Rome und preisgegründer Bestseller-Autor Work Survive Balance gelesen von Sören Hahn Die politische Meinung Neutral geht gar nicht.
00:13:10: Ein Audio Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.