„Die Reisschale des chinesischen Volkes“

Shownotes

Chinas Ernährungssicherheit beruht auf strikter Autarkiepolitik, kämpft aber mit enormen Importabhängigkeiten bei Futtermitteln und massiven ökologischen Risiken. Eine Analyse von Julia Haes und Klaus Mühlhahn.

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00:00:00: Die Reisschale des chinesischen Volkes.

00:00:03: Die Bedeutung von Ernährungs-Sicherheit für China, von Julia Häs und Klaus Mühlhahn.

00:00:10: Die Versorgung von ¼ Milliarden Menschen mit Nahrungsmitteln ist per se eine gewaltige logistische und politische Herausforderung.

00:00:19: Für China ist sie jedoch weit mehr!

00:00:21: Sie ist eine fundamentale Frage der nationalen Sicherheit, ein zentraler Pfeiler der Legitimität der kommunistischen Partei Chinas KPCH und einen strategischer Faktor in der globalen Machtpolitik.

00:00:36: Während die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Reis- und Weizen durch eine strikte Politik der Autarkie gesichert erscheint offenbart ein genauerer Blick auf Chinas Ernährungspolitik erhebliche Verwundbarkeiten.

00:00:51: Diese liegen weniger in der Gefahr eines akuten Nahrungsmangels als vielmehr in den komplexen Abhängigkeiten, die mit dem steigenden Wohlstand einhergehen und in den ökologischen Belastungsgrenzen.

00:01:05: Ernährungssicherheit ist ein zentrales und stetiges Anliegen der chinesischen Politik – und somit ein Thema von herausragender Bedeutung!

00:01:13: Das Land Beherbergt rund zwanzig Prozent der Weltbevölkerung, verfügt jedoch nur über etwa sieben Prozent der globalen Ackerfläche.

00:01:22: Auf der Zentralen Arbeitskonferenz für ländliche Fragen im Dezember-Zweißen-Dreizehn sagte Xi Jinping die Gewährleistungen der nationalen Ernährungssicherheit ist eine dauerhafte Aufgabe bei der wir niemals nachlässig werden dürfen.

00:01:40: Bereits in der Kaiserzeit galt die Sicherung der Nahrungsversorgung als eine, wenn nicht sogar als DIE zentrale Aufgabe der Regierung.

00:01:50: Die Errichtung staatlicher Getreidespeicher und andere Maßnahmen sollten Hungersnöte verhindern – dafür wurden erhebliche Mittel sowohl in den Ausbau der Transportinfrastruktur als auch in die Vorratshaltung investiert.

00:02:06: Massive regionale Ungleichgewichte.

00:02:09: Die Grundlage von Chinas Ernährungspolitik wurzelt jedoch in jüngeren historischen Erfahrungen.

00:02:39: Daraus leitet sich die oberste Maxime der KPCH ab.

00:02:43: Die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln muss unter allen Umständen sichergestellt werden.

00:02:49: Die chinesische Ernährungssicherheitspolitik folgt dem Leitmotiv, die Reisschale des chinesischen Volkes fest in den eigenen Händen halten.

00:03:00: Dieses Leitmotiv manifestiert sich in einer beeindruckenden Produktionsleistung, bei Reis und Weizen mit einer angestrebten und weitgehend erreichten Selbstversorgungsquote von über ninety-fünfundneinzig Prozent.

00:03:14: Ein im Juni zwanzig verabschiedetes Gesetz zur Ernährungssicherheit soll dafür sorgen dass diese Vorgabe auch künftig erfüllt werden kann.

00:03:25: Es schützt Ackerland durch eine rote Linie eine Untergrenze von hundertzwanzig Millionen Hektar, die nicht unterschritten werden darf.

00:03:34: Fördert die technologische Modernisierung der Landwirtschaft und schreibt gefüllte staatliche Getreidespeicher vor.

00:03:42: Subventionen- und garantierte Abnahmepreise sichern die Produktion ab!

00:03:48: Doch dieses nationale Gesamtbild verdeckt massive regionale Ungleichgewichte.

00:03:54: Während Kornkammern wie die nordöstlichen Provinzen Helongchang, Chilin und Liaoning Überschüsse produzieren.

00:04:03: Kämpfen wirtschaftsstarke dicht besiedelte Küstenprovinzen wie Guangdong, Cheyang oder Yangsu mit erheblichen Produktionsdefiziten.

00:04:14: Die Provinz Guangdong etwa deckt nur etwa dreißig Prozent ihres Getreidebedarf selbst.

00:04:21: Um diese Kluft zu überbrücken, betreibt China ein landesweites Logistik-Netzwerk primär entlang der Nord-Südachse.

00:04:30: Analysen von Millionenstraßensegmenten belegen eine hohe – allerdings ungleich verteilte Resilienz dieses Systems das anfällig für Störungen durch Naturkatastrophen oder Infrastrukturausfälle ist.

00:04:44: Die eigentliche Verwundbarkeit Chinas liegt allerdings nicht in der Grundversorgung, sondern im gestiegenen Wohlstand.

00:04:52: Mit zunehmendem Einkommen veränderte sich der Speiseplan der Bevölkerung.

00:04:57: Der Konsum von Fleisch, Milchprodukten, Speiseölen und verarbeiteten Lebensmitteln explodierte geradezu – dies stellte die heimische Landwirtschaft vor immense Herausforderungen, insbesondere bei der Produktion von Futtermitteln!

00:05:13: China ist der mit Abstand größte Soja-Importeur der Welt.

00:05:17: Über eighty-fünf Prozent seines Bedarfs, zwei tausenddreiundzwanzig etwa achtundneunzig Millionen Tonnen bezieht es aus dem Ausland vor allem aus Brasilien und den USA.

00:05:30: Die importierten Sojabohnen werden primär zu Sojaschrot für die Schweine und Geflügelmast verarbeitet.

00:05:36: Die Abhängigkeit von Soja-Importen macht China anfällig für Preisschocks auf den globalen Märkten und für geopolitische Spannungen.

00:05:46: Das Land ist ebenfalls ein großer Nettoimporteur von anderen Ölsaten, Mais trotz hoher Eigenproduktion Fleisch – insbesondere Rindfleisch Milchprodukten und hochwertigen Lebensmitteln wie Wein oder Nüssen.

00:06:02: Diese Importe dienen der Bedarfsdeckung Futtermittel oder befriedigen die wachsende Nachfrage der Mittelschicht nach hochwertigen und unbelasteten Nahrungsmitteln.

00:06:14: Auf dem globalen Agrarmarkt agiert China nicht nur als Passiverkäufer, sondern nutzt seine enorme Nachfragemacht bewusst als politisches Instrument.

00:06:25: Der Handelskrieg mit den USA unter Präsident Donald Trump ist ein Lehrbeispiel.

00:06:32: Peking drosselte gezielt die Importe von US-amerikanischem Soja und traf damit die ländliche Wählerschaft Trumps.

00:06:40: Im September, in den USA hat China gar keine Käufe mehr getätigt.

00:06:46: Gleichzeitig wurden die Lieferketten diversifiziert.

00:06:49: Einfuhren aus Brasilien wurden massiv hochgefahren und neue Quellen – zum Beispiel Russland – erschlossen.

00:06:57: Ähnliche Muster zeigen sich bei anderen Produkten.

00:07:00: Nach politischen Verstimmungen mit Australien führte China-Zw-Zölle auf australischem Wein, australische Gerste und australisches Rindfleisch ein, die deren Exporte nach China einbrechen ließen.

00:07:16: Im Jahr im Jahr hierher hat China diese Handelsbeschränkungen wieder aufgehoben.

00:07:21: China ist bemüht mehr Quellen für Nahrungsmittelimporte zu erschließen.

00:07:26: Der oft erhobene Vorwurf, China-Betreiber in Afrika oder Südostasien ein großflächiges Landgrabbing um die eigene Bevölkerung direkt zu ernähren hält jedoch einer genaueren Überprüfung kaum Stand.

00:07:41: Empirische Studien zeigen dass chinesische Agrarinvestitionen in Africa deutlich geringer als häufig behauptet ausfallen.

00:07:50: Zudem fließen sie überwiegend in Produkte wie Kautschuk Palmöl oder Baumwolle und in die Erschließung lokaler Märkte.

00:07:59: Der direkte Anbau von Grundnahrungsmitteln für den Export nach China spielt hingegen nur eine marginale Rolle.

00:08:07: Statt Land zu kaufen, setzt China eher auf langfristige Handelsverträge – oft im Rahmen von Rohstoff-für-Infrastrukturdeals und strategische Beteiligungen an globalen Agrarkonzernen.

00:08:21: Der Kauf des Schweizer Saatgut und Akrochemie-Riesen Syngenta durch ChemChina, heute Teil der SynoCam Group.

00:08:29: Im Jahr zwei tausend siebzehn ist hierfür ein Paradebeispiel.

00:08:34: Dies verschaffte Zugang zu Technologie, SaatGut und globalen Wertschöpfungsketten ohne das politisch präsente Thema des großflächigen Landkaufs im Ausland zu berühren.

00:08:47: Politik der gestärkten Autonomie.

00:08:51: Die Importstrategie ist auch eine Reaktion auf innere Schwächen.

00:08:55: Lebensmittelskandale von melaminverseuchtem Milchpulver, über Gatte-Euel bis hin zu mit Schwermetallen belasteten Reis erschütterten das Vertrauen in heimischen Produkte.

00:09:08: nachhaltig ausgelöst wurde dadurch ein Boom bei importierten Premium und Bioprodukten insbesondere bei Babynahrung und Milchprodukten die als sicherer gelten.

00:09:20: Die größten langfristigen Risiken für Chinas Ernährungssicherheit sind ökologischer Natur.

00:09:27: Besonders der Norden leidet unter akutem Wassermangel, die Landwirtschaft verbraucht über sechzig Prozent des Wassers während Grundwasserleiter Gesteinskörper, die Grundwasserspeichern und Weiterleiten können in alarmierendem Tempo erschöpft werden.

00:09:43: Überdüngung, Versalzung, Erosion und Schwermetallbelastung durch Industrie- und Bergbau gefährden die Fruchtbarkeit von mehr als vierzig Prozent des Ackerlandes.

00:09:54: Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen bedrohen, ernten und verschärfen die Wasserproblematik.

00:10:00: Zur Absicherung der Lebensmittelversorgung verfolgt Peking eine Politik der gestärkten Autonomie.

00:10:07: Sie umfasst erhebliche Investitionen in Agrarforschung Gentechnik, Präzisionslandwirtschaft, vertikale Farmen und Saatgutentwicklung sowie die Reduzierung von Nachernteverlusten, Verbesserung der Lagerungen und Logistik, Programme zur Eindämmung von Dünger- und Pestizidübergebrauch.

00:10:29: Förderung der ökologischen Landwirtschaft wenn auch noch im kleinen Maßstab Initiativen zur Bodensanierung.

00:10:37: Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung und zur Förderung einer gesünderen, weniger fleischlastigen Ernährung ergänzen diesen politischen Ansatz wenngleich mit bisher begrenztem Erfolg angesichts der Konsumwünsche der Mittelschicht.

00:10:53: Chinas Ernährungssicherheit ist kein isoliertes nationales Problem.

00:10:57: Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln Reis Weizen erscheint durch die eiserne Autarkipolitik abgesichert.

00:11:05: Die eigentlichen Schwächen liegen in der Abhängigkeit von Futtermittelimporten zur Gewährleistung des wachsenden Fleischkonsums und den massiven ökologischen Herausforderungen – Wasser, Boden, Klima.

00:11:19: Chinas strategisches Agieren auf den globalen Märkten ist ein Versuch diese Importabhängigkeiten zu managen und politisch zu nutzen.

00:11:31: Wasserknappheit, Bodendegradation, Klimawandel sind zugleich globale Probleme.

00:11:38: Internationale Zusammenarbeit in der Agrarforschung – etwa über trockenresistente Sorten beim nachhaltigen Wassermenagement und bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft ist überlebenswichtig nicht nur für China sondern auch für die globale Ernährungssicherheit.

00:12:00: über den Autor und die Autorin.

00:12:02: Julia Hess, geboren in Mönchen, promovierte Ökonomien, Gründerin des China Instituts für die deutsche Wirtschaft CIDW, Dozentin für Wirtschaft der Asiatischen Pazifischen Raums Munich Business School.

00:12:19: Klaus Müllhan Geboren, in Konstanz, bis zu den Jahrzehnten des Lehrstuhls für moderne China-Studien und Präsident der Zeppelin-Universität Friedrichshafen.

00:12:34: Professor für Kultur und Geschichte des modernen Chinas.

00:12:38: Freie Universität Berlin Gelesen von Carolina Hofmeister.

00:12:44: Die politische Meinung Neutral geht gar nicht.

00:12:52: Ein Audio-Podcast der Konrad Adenauer Stiftung.